Die gemeinsame Petition von HÄV und vmf ist die mit Abstand erfolgreichste der vergangenen Jahre. Hand aufs Herz, hätten Sie mit diesem Erfolg gerechnet?
Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Co-Bundesvorsitzende des HÄV und Hausärztin in Pforzheim (im Bild vorne rechts): Ich bin überwältigt. Die Zahl zeigt deutlich, dass wir Hausarztpraxen diejenigen sind, die nah an den Menschen sind, und wie wichtig der Bevölkerung ihre hausärztliche Versorgung ist.
Dr. Markus Beier, Co-Bundesvorsitzender des HÄV und Hausarzt in Erlangen (im Bild vorne mittig): Das Ergebnis zeugt zudem von einem tiefen Vertrauen in Hausärztinnen und Hausärzte, MFA und VERAH. Dass unser Praxisplakat gerade in Zeiten des Wahlkampfs, als bei vielen ein gewisses Misstrauen geherrscht hat, zur Unterschrift motivieren konnte, belegt, dass sich die Menschen auf ihre Praxisteams verlassen können und auch wollen.
Hannelore König, Hannelore König, Präsidentin des vmf und ausgebildete MFA (im Bild vorne links): Das Ergebnis ist gigantisch. Es zeigt, was machbar ist, wenn Hausärztinnen und Hausärzte mit ihren Praxisteams Hand in Hand arbeiten und ihre Patientinnen und Patienten mitnehmen – und wenn darüber hinaus auch wir als Verbände kooperieren.
Inwiefern unterstreicht das Ergebnis die hohe Relevanz der hausärztlichen Versorgung im Leben vieler Menschen?
Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth: Das Ergebnis knüpft an verschiedene Umfragen der letzten Zeit an. In einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des HÄV wurde im September deutlich, dass die Gesundheitsversorgung eines der Top-Themen im Alltag ist. 37 Prozent der Befragten gaben an, dass konkret die Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung auch ihre Wahlentscheidung beeinflusse [1]. Die repräsentative GKV-Versichertenbefragung 2024 belegt zusätzlich eine große Zufriedenheit – etwa in puncto Erreichbarkeit – mit dem hausärztlichen Sektor [2]. Diese beiden Punkte, die Bedeutung und die gute Performance der Praxisteams, sorgen für ein besonders enges Verhältnis zu unseren Patientinnen und Patienten. Die Bereitschaft, uns mit unserer Petition zu unterstützen, war daher groß.
Nehmen die Politikerinnen und Politiker das in dieser Deutlichkeit wahr? Oder besteht hier ein Delta zwischen den Themen, die im Berliner Politikbetrieb diskutiert werden, und jenen, die Bürgerinnen und Bürger im Alltag umtreiben?
Dr. Markus Beier: Die Menschen nehmen wahr, dass viel über Kliniken gesprochen wird. Hier besteht über die Landräte einerseits ein direkter Weg in die Politik, andererseits handelt es sich um größere Einheiten. Gleichzeitig merken die Menschen aber, dass es gerade die kleineren Einheiten – unsere Praxen! – sind, die für sie essenziell sind. Durch unseren Aufruf “Wir brauchen Ihre Stimme!” haben sie sich daher direkt angesprochen gefühlt. Politik hat in der Vergangenheit leider vor allem größere Strukturen adressiert, die kleineren gingen oft verloren.
Hannelore König: Auf kommunaler Ebene ist in meiner Wahrnehmung durchaus ein Bewusstsein für die Bedeutung des ambulanten Bereichs gewachsen, auch als Folge der Corona-Pandemie. In Berlin jedoch leider nicht, hier spielt die ambulante Versorgung nur eine untergeordnete Rolle. Das sah man zuletzt auch in den Anfängen der Koalitionsgespräche: So ging es im ersten Sondierungspaket [3] wieder nur um Pflege und eine bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. Dabei ist es wichtig für die nächste Regierung, den Blick endlich auf die ambulante Versorgung zu richten.
Genau aus diesem Grund hatte die Petition drei Forderungen: die Stärkung der HZV, die Förderung der Praxisteams sowie die Entbudgetierung hausärztlicher Leistungen. Letztere wurde kurz vor der Wahl noch von der alten Regierung verabschiedet, die anderen zwei Kernziele bleiben offen. Was muss konkret geschehen?
Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth: Die Stärkung der HZV ist eine ganz klare Forderung, die bestehen bleibt, und die wir in den kommenden vier Jahren an jeder möglichen Stelle deutlich machen werden, ebenso wie die Förderung der Praxisteams. Ohne sie ist die moderne Umsetzung der HZV nicht möglich, wir brauchen starke Teams.
Dafür ist nicht zuletzt von Bedeutung, dass auch Fachkräfte zur Verfügung stehen. Wie stark sind Hausarztpraxen durch den Fachkräftemangel belastet? Und inwiefern könnte der geforderte Teampraxis-Zuschlag entlasten?
Dr. Markus Beier: Es ist ein zentrales Problem, dass Praxen ihr Angebot nicht aufrechterhalten oder gar ausweiten können, weil die personellen Ressourcen fehlen. Gerade in Ballungszentren besteht eine riesige Konkurrenz zwischen Pflege, Krankenkassen und Kliniken. Da sind wir strukturell benachteiligt – sowohl unsere MFA als auch wir als kleine Einheiten, die gern bessere finanzielle Bedingungen bieten würden. Die HZV ermöglicht das in Teilen bereits, deswegen hängen die beiden offenen Forderungen zusammen.
Hannelore König: Andere Berufe im Gesundheitswesen sind deutlich besser aufgestellt und erhalten mitunter eine Förderung ab der Ausbildung. Ein Beispiel: Die Branchen-Mindestlöhne in der Pflege haben das Gehaltsniveau positiv beeinflusst. Wir brauchen von allen Seiten eine Stärkung der ambulanten Versorgung. Dazu gehört auch eine gesicherte Kinderbetreuung für MFA, Ärztinnen und andere systemrelevante Berufe durch die Kommunen.
Symbolträchtig haben Sie die Unterschriften an Martina Stamm-Fibich übergeben. Inwiefern muss dieses Bild ein Mahnmal für die neue Regierung sein?
Dr. Markus Beier: Dieses Bild ist hoffentlich ein bleibendes für die neue Regierung, sowohl während der Koalitionsverhandlungen als auch während der Amtszeit. Politik wird ja immer von Menschen gemacht. Mit vielen von ihnen stehen wir ohnehin in sehr gutem Austausch. Gerade den neuen Köpfen in Berlin zeigt das Bild aber, welch eine Mobilisierungskraft von uns ausgeht.
Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth: Wir haben gezeigt, dass wir ein sozial mächtiger Verband sind. Wir starten mit einem starken Votum unserer Patienten in die neue Legislatur und vertrauen darauf, dass die neue Regierung klug genug ist, die Primärversorgung zu stärken, wie es andere europäische Länder schon lange tun. Das gelingt realistischerweise nur über die Förderung der HZV. Aber: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wir werden das auch lautstark einfordern.
Hannelore König: Wir haben gemeinsam ein starkes Signal an die neue Regierung gesendet. Dieses eindrückliche Bild wird nachwirken.