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Nun soll der Museumsbesuch mit Angehörigen also auch in der virtuellen Welt möglich sein: “Entdecken Sie nun selbst die Kunstwerke zum Thema ‚Blau in Blau‘”, lädt mich die Frauenstimme in meinem Ohr ein.
Ich klicke mit der Maus auf die Kachel “Alles Blau” und dann auf ein Bild, das aussieht wie die Nahaufnahme eines ultramarinblauen Mondes mit vielen Kratern. Ich kann herein- und herauszoomen, einzelne Mondkrater näher betrachten oder das Bild in Gänze.
Eine kleine Infobox erklärt mir: “Das Bild (Relief éponge bleu, Kleine Nachtmusik) zeigt ein tiefes, leuchtendes Blau. Der Künstler Yves Klein hat es 1960 gemalt. Die Malfarbe mit dem besonderen Blauton hat er selbst entwickelt. Das ‚Klein Blau‘ wurde zum Markenzeichen des Künstlers.”
Ich klicke weiter und soll nun eine Aufgabe lösen: “Woran denken Sie, wenn Sie diesen Blauton sehen? Welche Gedanken und Gefühle verbinden Sie mit der Farbe?”
Zwischenmenschliche Beziehung wird gestärkt
Nachdem die Aufgaben gelöst sind, werde ich zu einem Kreativbereich eingeladen. Als Material brauche ich nur einen blauen Stift und Papier. Die Aufgabe: Als Mensch mit Demenz könnte ich nun gemeinsam mit meiner Betreuungsperson ein Bild zum Thema Meer gestalten.
“Sie nutzen nun abwechselnd die blauen Stifte und einen der Papierbögen. Der Erste beginnt: Nehmen Sie einen Stift zur Hand”, weist mich eine Infobox an.
Dass sich kreative Tätigkeiten wie Malen oder gemeinsames Singen positiv auf die Lebensqualität von Menschen mit Demenz auswirken ist bekannt.
Ob der virtuelle Museumsbuch mit anschließendem Malen auch so positiv wirkt? Auch das haben Johannes Pantel und sein Team in einer zweiten Studie untersucht, die Ergebnisse fließen in eine Masterarbeit und sind derzeit noch nicht veröffentlicht. “Was ich aber schon sagen kann: Die Ergebnisse sind vielversprechend”, berichtet der Geriater.
Chantal Eschenfelder, Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung am Städel Museum, erzählt: “Was mir aufgefallen ist: Bei der virtuellen Museumsreise wird die Interaktion, das direkte Sprechen und Arbeiten zwischen Patient und Pflegeperson noch stärker in den Fokus genommen als bei einem analogen Museumsbesuch.
Das hat einen positiven Einfluss auf die zwischenmenschliche Beziehung, die ja durch die Demenzerkrankung oft beeinträchtigt ist.” Johannes Pantel weist auf einen weiteren Punkt hin: “Artemis Digital ermöglicht intensive Kunsterfahrungen auch für all jene, die das Museum nicht besuchen können.”
“Man macht wieder etwas zusammen, statt nur zu pflegen”
Und was meinen die virtuell Reisenden? Das Städel Museum hat einige Zitate der Teilnehmenden gesammelt: “Endlich mal was anderes als Fernsehen – man kommt auf gute Gedanken,” sagt ein 79-jähriger Patient. “Schön, dass wir Kunst jetzt zu Hause in Ruhe ansehen können,” meint eine 67-jährige Frau mit Demenz. Auch die Pflegepersonen berichten dem Museum zufolge Positives.
Eine 72-jährige Ehefrau erklärt: “Man hat wieder das Gefühl, etwas zusammen zu machen, nicht nur zu pflegen.” Und eine Angehörige erzählt: “Ich konnte ihn in einem anderen Licht sehen – nicht als Pflegefall, sondern als Menschen mit Humor und Interesse.”
Für die Zukunft ist geplant, Artemis Digital auch in Pflegeheimen anzubieten. “Menschen mit Demenz können sich dann zum Beispiel gemeinsam auf einer Leinwand die Museumsreise anschauen, und eine speziell geschulte Person aus dem Team übernimmt die Moderation und begleitet das gemeinsame kreative Arbeiten”, sagt Chantal Eschenfelder. “Das könnte auch ein junger Mensch im Rahmen eines Bundesfreiwilligendienstes übernehmen.”
Zum Ende meiner virtuellen Museumsreise finde ich noch einen kleinen Tipp: “Möchten Sie für Ihr Bild einen besonderen Platz suchen, zum Beispiel an der Wand oder auf einer Kommode? Sie können auch ein Foto davon machen und es an Ihre Liebsten schicken.”
Das Projekt Artemis
Das Städel Museum bietet die Führung mit anschließendem Workshop im Atelier einmal im Monat kostenfrei an. Zum Angebot können sich Paare anmelden, die aus einer Person mit leichter bis mittelgradiger Demenz und einer Betreuungsperson bestehen. Ein Nachweis der Erkrankung ist nicht erforderlich. Die Gruppengröße liegt bei maximal sechs Paaren, insgesamt dauert der Museumsbesuch etwa zwei Stunden.
Die kostenfreie Web-Anwendung „Artemis Digital“ für Menschen mit Demenz und ihre Angehörige sowie interessiertes Pflegepersonal ist eine Weiterentwicklung des analogen Projekts und kann auf Laptops und PCs abgespielt werden, ist aber nicht für Mobiltelefone geeignet. Die Teilnehmenden können zwischen vier verschiedenen digitalen Kunstreisen wählen, zu denen im Nachgang unterschiedliche Kreativangebote für zu Hause angeboten werden. Meist können Dinge vor Ort genutzt werden, etwa Schere, Bleistift und Papier, bei einigen muss vorab z.B. selbsttrocknender Ton besorgt werden.
Gefördert wird das Projekt Artemis von der Familie SchambachStiftung
Quelle: Launch-Veranstaltung von Artemis Digital, 9. Dezember 2025
Literatur: 1. doi 10.1177/1471301217730451