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Kunst für Menschen mit DemenzAuf virtueller Museumsreise

Kunst bringt Menschen zusammen. Das Städel Museum in Frankfurt am Main bietet daher jeden Monat besondere Museumführungen und kreative Workshops für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen an. Jetzt gibt es das Angebot auch als virtuelle Museumsreise.

Die virtuellen Museumsreisen sind eine Weiterentwicklung des Projekts Artemis, das es seit 2014 am Städel Museum gibt.

“Schön, dass Sie dabei sind”, begrüßt mich eine Frauenstimme. Über die Kopfhörer auf meinen Ohren höre ich im Hintergrund entspannte Musik. Auf dem Bildschirm meines Laptops erscheint ein Gemälde. Im Mittelpunkt des Bildes steht eine Frau mit einer goldenen Krone auf dem Kopf, sie liest in einem schweren Buch und trägt ein leuchtend blaues Kleid. “Blau wie der Himmel”, sagt die Frauenstimme in meinem Ohr.

Das Bild verschwindet und ein zweites erscheint. Auch hier sind zwei Frauen in schimmernden nachtblauen Gewändern zu sehen. “Sieht teuer aus!”, meint die Frauenstimme – “und das war es auch. Ultramarinblau gehörte einst zu den kostbarsten Farben.”

Kunst kann Erinnerungen wachrufen

Ich befinde mich auf einer virtuellen Reise durch das Städel Museum in Frankfurt. Virtuell, weil ich an meinem Schreibtisch sitze, mit Kopfhörer auf den Ohren und meinem Laptop vor mir, auf dem nach und nach verschiedene Gemälde des Museums zu sehen sind. Konzipiert wurden die Museumsreisen für Menschen mit Demenz und ihre Betreuungspersonen.

“Kunst kann Erinnerungen wachrufen, Emotionen wecken und Verständigung jenseits von Sprache ermöglichen”, erklärt Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums.

Die virtuellen Museumsreisen sind eine Weiterentwicklung des Projekts Artemis, das es schon seit 2014 am Städel Museum gibt: Menschen mit Demenz und ihre Betreuungspersonen können vor Ort eine auf sie zugeschnittene Museumsführung machen und anschließend im Atelier des Städel Museums kreativ arbeiten, zum Beispiel malen oder mit ihren Händen aus Ton eine Figur formen.

Prof. Johannes Pantel vom Institut für Altersmedizin der Goethe-Universität Frankfurt begleitet das Projekt wissenschaftlich. In einer ersten Studie hat der Geriater mit seinem Team bereits untersucht, ob das analoge Artemis-Angebot vor Ort einen positiven Einfluss auf Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen hat [1].

Jeweils 60 Demenzkranke und ihre Pflegepersonen nahmen über sechs Wochen hinweg einmal in der Woche an einer 60-minütigen Führung im Städel Museum teil und anschließend an einem 60-minütigem kreativen Workshop im Atelier.

Vorher und nachher wurden die Teilnehmenden zu ihrem Wohlbefinden befragt – und ihre Ergebnisse mit Demenzkranken und ihren Angehörigen verglichen, die eine “normale” Museumsführung mitgemacht hatten. “Artemis hat die Lebensqualität und das emotionale Wohlbefinden der Patientinnen und Patienten signifikant verbessert, ein Teil dieser Effekte war schon nach einem Museumsbesuch erkennbar”, so Pantel.

Nun soll der Museumsbesuch mit Angehörigen also auch in der virtuellen Welt möglich sein: “Entdecken Sie nun selbst die Kunstwerke zum Thema ‚Blau in Blau‘”, lädt mich die Frauenstimme in meinem Ohr ein.

Ich klicke mit der Maus auf die Kachel “Alles Blau” und dann auf ein Bild, das aussieht wie die Nahaufnahme eines ultramarinblauen Mondes mit vielen Kratern. Ich kann herein- und herauszoomen, einzelne Mondkrater näher betrachten oder das Bild in Gänze.

Eine kleine Infobox erklärt mir: “Das Bild (Relief éponge bleu, Kleine Nachtmusik) zeigt ein tiefes, leuchtendes Blau. Der Künstler Yves Klein hat es 1960 gemalt. Die Malfarbe mit dem besonderen Blauton hat er selbst entwickelt. Das ‚Klein Blau‘ wurde zum Markenzeichen des Künstlers.”

Ich klicke weiter und soll nun eine Aufgabe lösen: “Woran denken Sie, wenn Sie diesen Blauton sehen? Welche Gedanken und Gefühle verbinden Sie mit der Farbe?”

Zwischenmenschliche Beziehung wird gestärkt

Nachdem die Aufgaben gelöst sind, werde ich zu einem Kreativbereich eingeladen. Als Material brauche ich nur einen blauen Stift und Papier. Die Aufgabe: Als Mensch mit Demenz könnte ich nun gemeinsam mit meiner Betreuungsperson ein Bild zum Thema Meer gestalten.

“Sie nutzen nun abwechselnd die blauen Stifte und einen der Papierbögen. Der Erste beginnt: Nehmen Sie einen Stift zur Hand”, weist mich eine Infobox an.

Dass sich kreative Tätigkeiten wie Malen oder gemeinsames Singen positiv auf die Lebensqualität von Menschen mit Demenz auswirken ist bekannt.

Ob der virtuelle Museumsbuch mit anschließendem Malen auch so positiv wirkt? Auch das haben Johannes Pantel und sein Team in einer zweiten Studie untersucht, die Ergebnisse fließen in eine Masterarbeit und sind derzeit noch nicht veröffentlicht. “Was ich aber schon sagen kann: Die Ergebnisse sind vielversprechend”, berichtet der Geriater.

Chantal Eschenfelder, Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung am Städel Museum, erzählt: “Was mir aufgefallen ist: Bei der virtuellen Museumsreise wird die Interaktion, das direkte Sprechen und Arbeiten zwischen Patient und Pflegeperson noch stärker in den Fokus genommen als bei einem analogen Museumsbesuch.

Das hat einen positiven Einfluss auf die zwischenmenschliche Beziehung, die ja durch die Demenzerkrankung oft beeinträchtigt ist.” Johannes Pantel weist auf einen weiteren Punkt hin: “Artemis Digital ermöglicht intensive Kunsterfahrungen auch für all jene, die das Museum nicht besuchen können.”

“Man macht wieder etwas zusammen, statt nur zu pflegen”

Und was meinen die virtuell Reisenden? Das Städel Museum hat einige Zitate der Teilnehmenden gesammelt: “Endlich mal was anderes als Fernsehen – man kommt auf gute Gedanken,” sagt ein 79-jähriger Patient. “Schön, dass wir Kunst jetzt zu Hause in Ruhe ansehen können,” meint eine 67-jährige Frau mit Demenz. Auch die Pflegepersonen berichten dem Museum zufolge Positives.

Eine 72-jährige Ehefrau erklärt: “Man hat wieder das Gefühl, etwas zusammen zu machen, nicht nur zu pflegen.” Und eine Angehörige erzählt: “Ich konnte ihn in einem anderen Licht sehen – nicht als Pflegefall, sondern als Menschen mit Humor und Interesse.”

Für die Zukunft ist geplant, Artemis Digital auch in Pflegeheimen anzubieten. “Menschen mit Demenz können sich dann zum Beispiel gemeinsam auf einer Leinwand die Museumsreise anschauen, und eine speziell geschulte Person aus dem Team übernimmt die Moderation und begleitet das gemeinsame kreative Arbeiten”, sagt Chantal Eschenfelder. “Das könnte auch ein junger Mensch im Rahmen eines Bundesfreiwilligendienstes übernehmen.”

Zum Ende meiner virtuellen Museumsreise finde ich noch einen kleinen Tipp: “Möchten Sie für Ihr Bild einen besonderen Platz suchen, zum Beispiel an der Wand oder auf einer Kommode? Sie können auch ein Foto davon machen und es an Ihre Liebsten schicken.”

Quelle: Launch-Veranstaltung von Artemis Digital, 9. Dezember 2025

Literatur: 1. doi 10.1177/1471301217730451

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