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Von Brasilien nach DeutschlandHausarzt Dr. Alberto Arbex: Frohnatur und Tausendsassa

Mit Brasilien verbinden Menschen viel Sonne, Sambaklänge, durchgemachte Tage und Nächte, feurige Leidenschaft, pure Lebensfreude… Wie kann es sein, dass man das alles für ein Leben im schleswig-holsteinischen Großenwiehe Nähe Flensburg hinter sich lässt? Hausarzt Dr. Alberto Arbex hat es gewagt.

Dr. Alberto Arbex

Der in Rio de Janeiro geborene Hausarzt Dr. Alberto Arbex lacht verschmitzt und erklärt, dass Patientinnen und Patienten ihn nahezu täglich fragen, warum er Brasilien gegen Deutschland eingetauscht hat. So kam Arbex auf die Idee, die Antworten auf die sich wiederholenden Fragen in dem Buch “Warum gerade Deutschland?” niederzuschreiben. Dabei ist das Buch, das gerade herausgekommen ist, nur ein kleines Puzzleteil im bewegten Leben von Arbex.

Schon als kleiner Junge interessierte er sich für Sprachen – mit fünf besuchte er eine Sprachschule und lernte zunächst Englisch. Später kamen Französisch, Spanisch und Italienisch hinzu. Auch verfügt der Hausarzt über Sprachkenntnisse in Japanisch, Arabisch, Polnisch, Latein, Plattdeutsch und Dänisch.

Dass er Deutsch lernte, hat eine besondere Bewandtnis: Als er als Teenager plante, als Austauschschüler in die Ferne zu reisen, wurde ihm gesagt, dass er überall hinkönne – nur nicht nach Deutschland. Auf die Frage warum, wurde ihm erklärt, dass er dazu Deutsch können müsse. Für Arbex natürlich eine Herausforderung, die er gerne annahm. Gesagt, getan – mit 16 Jahren kam Arbex 1992 für ein Jahr als Austauschschüler nach Ostfriesland.

Pünktlichkeit punktet bei Arbex

Schon 1994 begann Arbex sein Medizinstudium in Rio de Janeiro, das er 2000 abschloss. Parallel studierte er Jura mit Bachelor-Abschluss. Eigentlich, sagt er, hatte er zu dieser Zeit schon im Kopf, gerne Hausarzt zu werden. Allerdings, erinnert er sich, war das auf dem Arbeitsmarkt in Brasilien nicht sehr angesagt.

Er entschied sich für die Endokrinologie. Die Idee, die Facharztausbildung in Deutschland zu absolvieren, verwarf er. Denn hier sollte die Spezialisierung sieben Jahre dauern, in Brasilien hingegen winkte schon nach vier Jahren der Abschluss. 2003 war es dann so weit und Arbex beendete seine Facharztausbildung in Brasilien mit dem Titel Facharzt für Innere Medizin und Endokrinologie.

Ab 2006 wurde er Professor und bildete mehr als 3.000 Ärztinnen und Ärzte in der Endokrinologie aus. Damit nicht genug: Er organisierte Lehrmodule für Mediziner, 2014 nahm er eine Gastprofessur an der Harvard Universität in Boston an.

Zurück von seinen Lehrtätigkeiten musste Arbex in seiner Heimat feststellen, dass das Leben in Rio de Janeiro für die Familie unsicherer geworden war. Zu dieser Zeit – im Sommer 2016 – wurden die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro ausgetragen und die Problematik: Zum Beispiel zu wenige Polizisten, um für Sicherheit zu sorgen, kam deutlicher zum Vorschein.

Bei der Frage: Wo könnte es hingehen, wählte Arbex Deutschland. Die Tugenden Deutschlands: Fleiß, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit waren für ihn wichtige Werte, die den Ausschlag gaben. “Wenn ich hier und heute einen Termin mit anderen Ärztinnen und Ärzte zum Beispiel im November um xx Uhr vereinbare, dann steht dieser Termin”, sagt der Hausarzt. In Brasilien könne man maximal zwei Wochen im Voraus planen, es sei ganz normal, wenn man zwei Stunden zu spät zu einem Termin erscheine.

Die Entscheidung, mit der Familie (seine Frau und seine zwei Kinder, zu diesem Zeitpunkt 3 und 5 Jahre) auszuwandern, war also getroffen. Und Arbex schrieb Bewerbungen und … erhielt Absagen.

Erst die Bewerbungen Nr. 99 und 100 waren von Erfolg gekrönt: “Und dann, bei Bewerbung Nummer 99, passierte etwas Unglaubliches: Einladung von der BZgA in Köln – sie wollten mich nach einem einstündigen erfolgreichen Onlinegespräch über Public Health und Diabetes persönlich kennenlernen und die Leitung der Abteilung Diabetologie ggf. anbieten. Gleich danach kam Bewerbung Nummer 100: eine Einladung, ein Krankenhaus in Flensburg zu besuchen – mit der Aussicht, dort die Abteilung Diabetologie zu leiten”, schreibt Arbex in seinem Buch.

Gut, dass es Sommer war

Den Termin zum Vorstellungsgespräch in Flensburg wollte Arbex gerne verschieben, schließlich hatte er Tickets für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Das lehnte die Klinik aber mit den Worten: “Jetzt oder nie” ab. Also machte sich Arbex auf den Weg nach Flensburg, in das er sich gleich verliebte. “Im Juli war wunderbares Wetter – wer weiß, wie ich mich entschieden hätte, wenn der Termin im Januar gewesen wäre”, meint er augenzwinkernd.

Drei Jahre arbeitete er in der Klinik in der Diabetologie. “Das fühlte sich aber noch nicht so richtig an”, erklärt Arbex und wechselte 2019 in die allgemeinmedizinische Praxis nach Großenwiehe. Dort stellte ihm der Praxisinhaber in Aussicht, die Praxis später übernehmen zu können.

Gleichzeitig wählte Arbex den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin. Kurz vor dem Abschluss und dem Erhalt des Facharzttitels für Allgemeinmedizin 2021 wurde der Praxisinhaber krank. Die beiden verbliebenen Ärzte einschließlich des Teams glaubten nicht daran, dass Arbex die Praxisführung mit allen Anforderungen bewältigen könnte. “Das schaffst Du nie”, meinten sie zu ihm und kehrten der Praxis den Rücken.

“Ich bin ein großer Fan der HZV”

Davon ließ sich Arbex nicht entmutigen. Einzig mit der Auszubildenden, die geblieben war, baute er die Praxis 2022 als Inhaber auf und beschäftigt derzeit eine angestellte Ärztin. Die Patientinnen und Patienten sind zufrieden, freut sich Arbex. Es läuft rund. Er sei ein “großer Fan der HZV” erklärt er.

Anfangs hatte er große Probleme mit seinem Budget – ständig wurde etwas gekürzt. Die Kassenärztliche Vereinigung sei keine Hilfe gewesen. Die HZV hingegen, sagt er, sei “ordentlich organisiert und rational”. Im Januar letztes Jahr habe er mit 40 bis 50 Versicherten begonnen, die sich in die HZV eingeschrieben hätten. Am Jahresende waren es bereits rund 1.000. Und 200 sind seither schon wieder hinzugekommen.

“Die Patienten für die HZV zu gewinnen, ist nicht schwer”, sagt Arbex. “Ich frage sie einfach: Sind wir Ihr Ansprechpartner für Gesundheitsfragen?” Das werde dann auch bejaht.

Seine Familie ist mittlerweile gut integriert – das dritte Kind der Arbex kam in Flensburg zur Welt. Die beiden älteren Kinder helfen schon fleißig in der Praxis mit. “Sie sollen hier etwas über Gesundheit lernen”, sagt der Hausarzt. Die Familienmedizin bereitet Arbex viel Freude: “Wir betreuen hier die Menschen von zwei Monaten bis 102 Jahren. Das ist unglaublich spannend und vielfältig.”

Und geht die Buchgeschichte noch weiter? Ja, natürlich sagt Arbex. Er möchte das Buch zunächst auf Englisch übersetzen und es auch auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober vorstellen. Später sei eventuell noch Portugiesisch dran. Das Buch soll, so seine Idee, anderen Mut machen und aufzeigen, dass man seine Lebensträume verwirklichen kann.

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