© Hempel Dr. Matthias Hempel, hausärztlicher Internist, niedergelassen in Detmold (NRW)
Gleich nachts spielte Hempel es auf und startete zum 15. Januar mit der ePA-Testphase. Zunächst nahm er sich die “alte” ePA seiner Frau und seines Vaters vor, um alles auszuprobieren und ein wenig zu experimentieren. Das funktionierte alles sofort, sagt Hempel.
Nach und nach wurden immer mehr ePA zugänglich. In den ersten Tagen ploppten durchaus einige Fehlermeldungen auf. Hempel fertigte Screenshots zur Fehlerdokumentation an und mailte diese an Medatixx.
Die ITler wählten sich in das System ein und führten “in den Tiefen des Systems” Änderungen zur Fehlerbehebung durch. Mit den Fehlermeldungen an sich habe er nichts anfangen können – diese seien eher “kryptischer Natur” gewesen.
Nach und nach waren immer mehr Aktenzugriffe möglich, die allesamt erst einmal leer waren. Andere Praxen oder Kliniken, die ebenfalls hätten befüllen können, sind im Umkreis von Hempels Praxis nicht vorhanden.
Hempel: “Wir sind am äußersten Zipfel der Testregion angesiedelt und einzige Textpraxis in Lippe.”
Während in den ersten Tagen der Testphase zwanzigmal geklickt wurde, um überhaupt auf eine angelegte ePA zu treffen, ist die “Erfolgsquote”, bei einem Versicherten eine ePA vorzufinden, mittlerweile recht hoch, sagt Hempel. 1300 Akten (Stand 26.2.) habe er bereits befüllt, sagt Hempel, und es funktioniere ganz gut. Er sei im ständigen Austausch mit dem Softwarehersteller und gebe auch praktische Rückmeldungen – zum Beispiel um einen Klick für die Praxis einzusparen.
Seine Hinweise würden meist auch umgesetzt. Das Aufrufen der ePA gelinge sehr schnell (6 bis 9 Sekunden) und auch das Hochladen von Befunden gehe fix, sagt Hempel. Er habe die Zeit gestoppt: 1-2 Sekunden pro PDF-Seite dauere es, bis der Vorgang des Hochladens und Abspeicherns vollständig abgeschlossen sei.
Befunde oder Daten in der ePA im PDF/A-Format abzuspeichern, sei ebenfalls kein Problem, findet der Hausarzt. Das Umwandeln in das nötige Format geschehe automatisch im Hintergrund.
Arbeitsabläufe an ePA anpassen
Derzeit ist das Detmolder Praxisteam dabei, die Arbeitsabläufe auf Herz und Nieren zu prüfen und zu überlegen: Wer soll welche Daten wann in die ePA einspeisen? Ist es zum Beispiel sinnvoller die Blutwerte sofort hochzuladen oder erst dann, wenn die Erkrankten mit einer Ärztin oder einem Arzt gesprochen haben? Ein abschließendes Konzept gebe es noch nicht.
Dass eine Praxis mit dem Stecken der eGK automatisch 90 Tage Zugriff auf die ePA erhält, findet Hempel gut. Manche hätten kritisiert, dass die Sicherheit so nicht gegeben sei und eine sechsstellige PIN-Eingabe durch die Versicherten mehr Sicherheit bieten würde.
“Wenn Patientinnen und Patienten, die jetzt teils schon in der Schlange am Tresen stehen müssen, auch noch eine PIN eingeben müssten, wäre die ePA praxisuntauglich”, ist Hempel überzeugt. Außerdem hätten die GKV-Versicherten ja die Möglichkeit, den Zugriff auf ihre ePA zu steuern und zum Beispiel der Hausarztpraxis auch einen dauerhaften Zugriff zu gewähren.
Rückfragen von Patienten halten sich auch nach knapp vier Wochen sehr in Grenzen. “Manche fragen, ob sie die ePA verweigern oder nutzen sollen. Dann rate ich ganz klar zur Nutzung der ePA.” Die Praxis habe die Menschen allerdings zuvor auch über alle zur Verfügung stehenden Kanäle (Webseite, Facebook, Instagram etc.) und über Praxisposter (Wir sind ePA-Textpraxis) informiert.
Trotz dessen es bei ihm so gut und “erstaunlich komplikationsfrei” klappt, glaubt Hempel, dass der bundesweite Rollout der ePA noch eine Weile dauern wird.
Akzeptanz nicht verspielen
“Das ist auch gut so”, sagt der Hausarzt, denn andere Kolleginnen und Kollegen berichteten durchaus über Probleme größerer Natur. Würden halbfertige Produkte auf den Markt geworfen, wie es beim E-Rezept der Fall war, würde die Akzeptanz für die TI und die Digitalisierung bei den Kolleginnen und Kollegen nachvollziehbar weiter sinken. “Ich habe den Eindruck, dass aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt wurde”, beruhigt Hempel.
Bei solch einem komplexen Riesenprojekt mit hunderten PVS-Systemen, zwei verschiedenen Akten (RISE und IBM/Bitmark), knapp hundert Krankenkassen, drei verschiedenen Konnektoren und verschiedenen Arbeitsweisen in Praxen und Gesundheitseinrichtungen sei es auch dringend geboten, sich mit dem Ausrollen in der breiten Fläche Zeit zu lassen. Die Technik müsse davor ausreichend getestet und gefundene Fehler korrigiert worden sein, findet Hempel.
Was meint das Praxisteam zur ePA? Die MFA freuen sich riesig, sagt Hempel, wenn die ePA wirklich für alle da ist. Denn dann müssen sie nicht mehr Befunden oder Berichten (Wo ist das CT? Wo der Bericht zur Magenspiegelung? etc.) hinterhertelefonieren. Das fresse schließlich sehr viel Zeit – zumal andere Praxen oft nicht eben leicht zu erreichen sind.
Dr. Jens Grothues: “Die Medikationsliste bringt mir Aha-Effekte”
© Sabrina Zeuge Dr. Jens Grothues, Facharzt für Allgemeinmedizin in Beverungen (NRW)
Auch wenn alles sehr schleppend verläuft und es zu vielen Verzögerungen kommt: “Eins muss man sagen”, meint Dr. Jens Grothues, “seit die Medikationsliste funktioniert, folgt daraus immer wieder ein echter Aha-Effekt.”
Der Hausarzt begrüßt sehr, dass er nun in Echtzeit sehen kann, was von wem verschrieben wurde, ob und wann der Patient das Rezept eingelöst hat und in welcher Apotheke das Medikament abgegeben wurde. “So erhalte ich auch einen guten Überblick, ob sich mein Patient an das hält, was ich ihm geraten habe”, sagt Grothues.
BtM-Verordnungen fehlen noch
Im Sinne der Patientensicherheit fordert Grothues allerdings zusätzlich, dass BtM-Verordnungen in die Medikationsliste einfließen. Hier ist bislang keine Kontrolle zum Beispiel über Mehrfachverordnungen möglich, da BtM-Verordnungen nur auf Papierrezepten ausgestellt werden.
Wenn Versicherte ihre elektronische Gesundheitskarte (eGK) vergessen haben, findet es Grothues klasse, dass in Sekundenschnelle per Knopfdruck eine Ersatzbescheinigung bei der Krankenkasse angefordert werden kann. “Das ist eine Riesenerleichterung”, freut sich der Hausarzt.
Allerdings müssen Ärztinnen und Ärzte wissen: Wird eine Ersatzbescheinigung ausgestellt, bleibt der Zugang zur ePA, der automatisch mit dem Stecken der eGK in der Praxis für 90 Tage gewährt wird, versperrt. So ist die Übersicht über die Medikationsliste möglicherweise wieder lückenhaft.
ePA-App viel zu kompliziert
Eigentlich könnte ja die Patientin oder der Patient über seine ePA-App den Zugang für die behandelnde Hausarztpraxis freischalten. Der Vorgang sei aber derart kompliziert, dass dazu derzeit nur wenige GKV-Versicherte in der Lage sind, meint Grothues. Er fordert deshalb von den Krankenkassen, den Zugang zur ePA für ihre Versicherten zu erleichtern.
In der großen hausärztlichen Praxis in Beverungen, in der neben Grothues eine Hausärztin und zwei weitere Hausärzte arbeiten, ist es bislang noch nicht möglich gewesen, die ePA wirklich zu testen. Alles läuft langsam und mühsam.
Außerdem gibt es im Umkreis von 50 km keine weitere Testpraxis, kein Klinikum sah sich in der Lage, an dem Pilotprojekt teilzunehmen. So befüllt die Praxis zwar fleißig ePA, mit anderen Gesundheitseinrichtungen findet aber “kein Traffic” statt.
Dass die ePA im April bundesweit ausgerollt wird, daran glaubt Grothues nicht (Stand Ende Februar). Vielleicht sei das im dritten Quartal 2025 möglich. Und wenn, dann bitte in Etappen. Würden alle Praxen in Deutschland auf einen Schlag Dokumente in die ePA hochladen, würde das System gewiss zum Erliegen kommen, fürchtet Grothues.
Die ganzen Schwierigkeiten seien vermeidbar gewesen, findet er, wenn die wichtigsten Dinge der Telematikinfrastruktur (TI) zentral programmiert worden wären. So gebe es aufgrund des privatwirtschaftlichen Aufbaus sehr viele Schnittstellen und viele Punkte, an denen das System anfällig sei.
Besser mit Belohnung arbeiten
Dazu nennt Grothues ein kleines Beispiel: In seiner PVS werde jeweils ein Deckblatt erstellt. Das Deckblatt funktioniere aber weder mit KIM noch mit der ePA, eine Umprogrammierung der PVS sei deshalb nötig. Auch dass bis jetzt und auf absehbare Zeit noch kein einfacher Impfmanager in der ePA vorgesehen sei, sei nicht nachvollziehbar und dabei doch so wertvoll für die Praxen.
Wenn die ePA erst einmal funktioniert, wird das immense Vorteile bringen, ist Grothues überzeugt. Der Weg bis dahin ist aber leider noch steinig und lang. Auch wenn die Gematik sich sehr bemühe, findet Grothues es “erschreckend”, wie schlecht die Einführung der ePA vorbereitet wurde. Und für die Politik hat Grothues auch noch einen Tipp parat: “Es ist immer besser mit Belohnungssystemen zu arbeiten als mit Bestrafung.”