Berlin. Indem Hausärztinnen und Hausärzte bestimmte Tätigkeiten an weitergebildetes nichtärztliches Personal in ihren Praxen übertragen, könnten bedeutende zeitliche Kapazitäten frei werden – die wiederum direkt in die Patientenversorgung fließen könnten. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Montag (2. März) veröffentlichte Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Demnach könnten Hausärztinnen und Hausärzte durch eine stärkere Teamarbeit im Schnitt fast zwei Drittel (65 Prozent) ihres Zeitvolumens einsparen.
Die Studienautoren sehen hierfür vor allem „wiederkehrende aber gleichwohl anspruchsvolle Aufgaben“ geeignet und nennen diagnostische Aufgaben wie Sonografien, Kontrolluntersuchungen bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Wundnachsorge oder Hausbesuche mit Routineaufgaben. „Die Ärzte könnten sich dann stärker auf komplexe diagnostische Entscheidungen, Patientengespräche und Medikamentenverordnung konzentrieren.“
Für die Studie haben die Experten Daten aus zwei größeren, bereits stark im Team mit anderen Berufsgruppen arbeitenden Hausarztpraxen mit herkömmlich arbeitenden Praxen verglichen.
HÄV mit erfolgreich erprobten Konzepten von VERAH bis PCM
Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HÄV), der unter anderem mit der Versorgungsassistenz in der Hausarztpraxis (VERAH) und dem Studiengang Primary Care Management (PCM) bereits seit Langem erfolgreich zwei Weiterqualifikationen für Medizinische Fachangestellte (MFA) anbietet und befürwortet, begrüßt die Studie als „eindrucksvollen Beleg“ für die Delegation als zentralen Hebel zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung von morgen. „Nur, wenn wir die Arbeitslast innerhalb der Praxen auf mehr Schultern verteilen, können wir die Versorgung unserer alternden Bevölkerung auch in Zukunft in gewohnter Qualität sicherstellen“, teilten die Bundesvorsitzenden Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Beier am Montag (2. März) mit.
Sie erinnern an das erfolgreich erprobte Versorgungskonzept „Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell“, kurz HÄPPI, bei dem jede Fachkraft – von der VERAH über PCM bis hin zum Hausarzt oder der Hausärztin – Versicherte nach ihren jeweiligen Kompetenzen versorgt. Dabei sei es wichtig, die Versorgung klar unter dem Dach der Hausarztpraxis zu bündeln, betonen sie. So sei sichergestellt, dass im Zweifel immer ein Arzt im Nebenzimmer ansprechbar sei. „Arztpraxen light“, in denen keine Ärztinnen und Ärzte arbeiten, und ähnliche Modelle lehnen wir kategorisch ab.
Auch die Studienautoren sehen den Vorteil, dass entsprechende Delegationsprojekte bereits bestehen und viele der benötigten Fachkräfte bereits qualifiziert seien, andere könnten ihre Kompetenzen durch die bestehenden Fortbildungen oder berufsbegleitendes Studium relativ zügig erwerben. Damit wäre die Stärkung der Teamarbeit ein deutlich kurzfristiger wirkender Weg als die Ausbildung neuer Ärztinnen und Ärzte. Den Bertelsmann-Prognosen zufolge ließe sich rechnerisch eine drohende Lücke von rund 8.200 unbesetzten Hausarztsitzen im Jahr 2030 mit rund 12.000 speziell geschulten Praxisassistentinnen und -assistenten abdecken.
Rechtliche Rahmenbedingungen und Honorarstrukturen müssen stimmen
Dafür sei es jedoch wichtig, dies zielgerichtet zu fördern, erinnern Buhlinger-Göpfarth und Beier für den Hausärztinnen- und Hausärzteverband. „Damit sich Teampraxisstrukturen durchsetzen können, braucht es grundlegende Änderungen bei den rechtlichen Rahmenbedingungen und den Honorarstrukturen im Kollektivvertrag“, mahnen sie. „Bisher wird in der Regel nur bezahlt, was über den Schreibtisch der Ärztin oder des Arztes geht. Die Arbeit unserer Teams wird hingegen von den Krankenkassen kaum honoriert. Statt eines Arzt-Patienten-Kontaktes muss in Zukunft der Praxis-Patienten-Kontakt der Maßstab sein.“
Unsicherheiten etwa bei Haftungs- und Finanzierungsfragen einheitlich zu klären, sei wichtig, räumen auch die Studienautoren ein.
Hohe Akzeptanz auch in der Bevölkerung
„Befragungen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigen, dass sowohl die Ärzteschaft als auch die Bevölkerung offen für eine stärkere Aufgabenteilung in Hausarztpraxen sind“, teilt die Stiftung ergänzend mit. Sie stützt sich auf eine Befragung von Hausärztinnen und Hausärzten, in der knapp drei Viertel der Befragten befürworteten, dass Aufgaben nach Qualifikation statt nach Berufsgruppe verteilt werden sollten. Lediglich bei Hausbesuchen aufgrund akuter Beschwerden und bei der Dosierung von Medikamenten sprechen sich viele der Befragten dagegen aus.
Die Ergebnisse spiegelten sich in den Einschätzungen der repräsentativ befragten Bürgerinnen und Bürger wider: In den meisten Bereichen würden sie eine Übertragung der hausärztlichen Aufgaben mehrheitlich akzeptieren, sieht die Bertelsmann Stiftung. Am höchsten ist die Bereitschaft mit Blick auf wiederkehrende Untersuchungen und Tests (mehr als 95 Prozent Zustimmung / „eher“ Zustimmung), gefolgt von Impfungen und Infusionen (über 80 Prozent) sowie Routineaufgaben bei chronischen Erkrankungen und der Verordnung von Hilfsmitteln (jeweils ca. 80 Prozent). Auch hier fällt die Akzeptanz bei akuten Hausbesuchen und der Dosierung von Arzneimitteln am geringsten aus (jeweils ca. 40 Prozent Zustimmung / „eher“ Zustimmung).
„Die Übernahme hausärztlicher Aufgaben durch hochqualifizierte Assistenzkräfte birgt großes Potenzial, trifft auf breite Akzeptanz und hat sich bereits in der Praxis bewährt“, bilanziert Jan Böcken, Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung. Je früher und systematischer mit dem Aufbau des entsprechenden Praxispersonals begonnen werde, umso besser sei es. Der internationale Vergleich zeige, dass Deutschland hier Aufholbedarf habe.
