Berlin. Die hausärztliche Versorgung muss gestärkt und wieder auf mehr Schultern verteilt werden, waren sich alle Bundestagsabgeordneten beim digitalen Town Hall Meeting des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes am Mittwochnachmittag (12.2.) einig. Vertreten waren Hausarzt Dr. Stephan Pilsinger (CDU/CSU), Notfallmediziner Dr. Janosch Dahmen (Bündnis 90/Die Grünen) und Christine Aschenberg-Dugnus (FDP). Matthias Mieves (SPD) musste aufgrund einer Flugverspätung absagen – er beantwortete im Nachgang Fragen schriftlich.
In der Diskussion vor rund 400 Teilnehmenden lobten Abgeordnete und Verbandsvorsitzende Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Beier, dass die Ex-Ampel-Parteien noch die hausärztliche Entbudgetierung auf den Weg gebracht haben. Am Freitag (14.2.) stimmte auch der Bundesrat der Entbudgetierung zu.
Gleichwohl sei die „Entbudgetierung nur der Anfang vieler Reformen“, fasste Pilsinger die Stimmung in der Runde zusammen. Aus hausärztlicher Sicht müssten folgende Baustellen angegangen werden, machten die Bundesvorsitzenden deutlich: mangelnde Patientensteuerung, zu viel Bürokratie, Personalmangel in Praxen sowie die Belastung durch Regresse.
EBM braucht Reform
Pilsinger und Dahmen waren sich etwa einig, dass der EBM weiter überarbeitet werden muss. „Der EBM sollte mehr am Bedarf von Ärzten und Patienten ausgerichtet werden“, schlug Grünen-Politiker Dahmen vor. FDP-Abgeordnete Aschenberg-Dugnus plädierte dafür, dass Teamarbeit künftig besser abgebildet werden muss, wenn Ärztinnen und Ärzte durch besonders fortgebildete Mitarbeitende mehr entlastet würden.
Das Arbeiten in multiprofessionellen Teams sehen alle als ein Modell der Zukunft an, um Hausärztinnen und Hausärzte zu entlasten und die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen. Dahmen nannte hier das HÄPPI-Konzept des Verbandes als ein Vorbild. Daneben sei es aber wichtig, den hausärztlichen Beruf attraktiver zu gestalten, damit sich mehr Studierende dafür entschieden, herrscht Einigkeit unter den Abgeordneten.
Pilsinger und Dahmen wollen sich für eine rasche Umsetzung des Masterplans Medizinstudium 2020 einsetzen. Zudem sollten „wir Weiterbildungsmodelle ausbauen“, fordert Pilsinger. „In Kliniken können in einer Abteilung mehrere Ärztinnen und Ärzte weitergebildet werden, warum können wir es nicht auch Praxen ermöglichen, zum Beispiel zwei statt eine Weiterbildungsstelle anzubieten.“ Das hält auch Dahmen für einen guten Ansatzpunkt.
Wie Praxen entlastet werden sollen
Einig waren sich alle Parteien darin, dass Ärztinnen und Ärzte von Bürokratie entlastet werden müssen. Aschenberg-Dugnus bedauerte, dass der Vorschlag der FDP mit 74 Punkten zur Entbürokratisierung nicht schon diese Legislatur umgesetzt werden konnte. Und warum wurde die Bagatellgrenze für Regresse unter 300 Euro nicht mit der Entbudgetierung auf den Weg gebracht? „Jeder wollte noch möglichst viel im Gesetz unterbringen, am Ende mussten wir uns auf das Nötigste beschränken“, erklärte die FDP-Politikerin. Und Dahmen ergänzte, man habe sich mit der FDP leider nicht auf einen HZV-Bonus einigen können.
Den Alltag vereinfachen soll auch die Digitalisierung, daher dürften Praxen nicht mit unausgereifter Technik konfrontiert werden, bestand Konsens in der Diskussion. Unionspolitiker Pilsinger regte ein Praxiszukunftsgesetz an, das unter anderem den PVS-Wechsel erleichtern soll.
Mehr Steuerung – aber durch wen?
Ebenso waren sich alle Abgeordneten sicher, dass kranke Menschen besser durch das Gesundheitswesen begleitet werden müssen, um Über- und Fehlversorgung abzubauen und Ressourcen gezielter zu nutzen. Im Detail zeigten sich jedoch Unterschiede: Während Pilsinger und Dahmen die Koordination eindeutig in hausärztlicher Hand sehen, plädierte Aschenberg-Dugnus für mehr Wahlfreiheit. „Nicht jeder hat eine Hausarztpraxis; auch wenn sich die meisten sicher freiwillig für die Koordination durch den Hausarzt entscheiden würden“, sagte sie. Sie sei hier aber offen, dass die Koordination „auch mal“ durch Gebietsfacharztpraxen stattfinden könne.
Dagegen sprach sich Grünen-Politiker Dahmen klar dafür aus, das Konstrukt der Haus- und Facharztverträge in Baden-Württemberg als Blaupause für das Bundesgebiet zu nutzen. Hier liege die beste Evidenz vor. Zudem biete dies den Vorteil, dass in einer hausärztlichen Primärversorgung praktikablere Kodierverfahren genutzt werden könnten (Anm. d. Red.: ICPC statt ICD-10). Er kann sich sowohl Boni für teilnehmende Versicherte vorstellen als auch spezielle Versicherungstarife.
Pilsinger von der Union sieht ebenso Boni für Versicherte als einen Weg, da diese mitunter in der Praxis fragten, wie sie von der Teilnahme profitierten. Er würde die Krankenkassen daher gerne zur Zahlung von Boni verpflichten.
Neue GOÄ soll kommen
Eine weitere Frage, die auch einige Hausärztinnen und Hausärzte im Onlinechat umtrieb: Wie geht es weiter bei der GOÄ? Hier signalisierten alle Abgeordneten Unterstützung – unter einer Bedingung. „Die Reform wird umgesetzt, wenn Ärzte und PKV sich geeinigt haben“, fasste Pilsinger für alle zusammen. Und Aschenberg-Dugnus ergänzte: Eine Reform sei auch seitens Politik und Versicherten von Interesse, denn „Analogziffern führen immer wieder zu Streitereien“, weil sie die Abrechnung unverständlich machten.