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ExpertenInterviewVerhaltenssüchte: Ein Konzept im Wandel

Lange Zeit wurden Verhaltenssüchte wie die Glücksspielsucht den Impulskontrollstörungen zugeordnet. Heute zählt man sie zu den nicht stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen, erklärt Prof. Jochen Mutschler.

Spielsüchtige gefährden oder verlieren oft wichtige private oder berufliche Beziehungen.

Welche Verhaltenssüchte kennt man?

Mutschler: Klinisch besonders wichtig sind die Glückspielsucht, die früher als pathologisches Glücksspiel bezeichnet wurde, sowie die Computerspielsucht und die Internetsucht.

Die Glücksspielsucht wird auch als Gambling Disorder bzw. Glücksspielstörung bezeichnet. Daneben gibt es weitere Verhaltenssüchte wie Kauf-, Sex-, Ess- oder Sportsucht.

Wie häufig sind diese Störungen, wie sehen Alters- und Geschlechtsverteilung aus?

Von einer Glücksspielsucht sind in Deutschland etwa 1,7 Prozent der Bevölkerung betroffen, überwiegend jüngere Männer. Die Lebenszeitprävalenz liegt bei etwa einem Prozent. Ähnlich sind die Zahlen für die Computerspielsucht. Bemerkenswert ist, dass die Prävalenz der Computerspielsucht in asiatischen Ländern mit bis zu 15 Prozent deutlich höher ist.

Die häufigste Verhaltenssucht in Deutschland ist aber die Kaufsucht. Je nach Studie wird die Prävalenz mit zwei bis zu acht Prozent angegeben. Betroffen sind vor allem Frauen im jüngeren Alter. Das Geschehen hat sich sehr stark ins Internet verlagert. Auf psychiatrischen Stationen fällt das oft dadurch auf, dass sich Pakete von Internethändlern im Pflegestützpunkt stapeln.

Wo verläuft die Grenze zwischen einer leidenschaftlichen Angewohnheit und einer Verhaltenssucht?

Hier gibt es keine Schwarz-Weiß-Unterscheidung, denn der Übergang ist fließend. Von Glücksspielstörung kann man sprechen, wenn mindestens vier der folgenden neun Merkmale vorliegen: (1) Craving, also das ständige Verlangen und Eingenommensein von Glücksspiel, (2) Toleranzentwicklung, wie bei den stoffgebundenen Süchten mit Steigern der Dosis, (3) Kontrollverlust – man kann nicht aufhören, (4) Entzugserscheinungen mit Unruhe und Gereiztheit.

Suchtverhalten kann auch dazu dienen, (5) Problemen auszuweichen, das heißt das Gaming übernimmt dann eine bestimmte Funktion. Bei der Glücksspielstörung gibt es auch das sogenannte (6) Chasing: Man hat Geld verloren und spielt immer weiter in der Hoffnung, das verlorene Geld zurückzugewinnen, was aber kaum gelingt. Nicht selten gehört auch (7) Lügen dazu, das heißt, dass zum Beispiel der/die Partner/in über das Ausmaß von Spielschulden getäuscht wird.

Besonders schwerwiegend sind (8) die sozialen Folgeschäden der Sucht: Betroffene gefährden oder verlieren wichtige berufliche oder private Beziehungen, büßen den Arbeitsplatz ein, werden in der Schule immer schlechter und müssen schließlich eine Klasse wiederholen. Außerdem verlassen sich viele Patienten mit Glücksspielstörung auf (9) Geldbereitstellung durch andere.

Wie wird ein hoher Konsum von Social Media eingeordnet?

Auch die übermäßige Nutzung von Social Media geht mit vermehrter Depressivität und Ängstlichkeit sowie anderen negativen Effekten auf die Psyche einher. Nicht ohne Grund haben einige Länder bereits Altersbeschränkungen eingeführt.

Viele Auswirkungen sind aber noch gar nicht so gut erforscht. Ein weiteres Problem ist, dass es ziemlich lange dauert, bis sich Folgeschäden und damit Handlungsdruck wie etwa bei Drogen einstellen, wenn jemand viele Stunden täglich auf Facebook oder TikTok unterwegs ist.

Wie können Hausärztinnen und Hausärzte auf eine mögliche Verhaltenssucht aufmerksam werden?

Direkt danach zu fragen, hat selten Sinn. Wenn aber ein Patient mit zum Beispiel Symptomen einer Depression in die Sprechstunde kommt, kann man unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht gezielt Fragen nach Verhaltenssüchten stellen: Jüngere Männer spricht man auf Probleme mit dem Gaming an, jüngere Frauen auf Schwierigkeiten im Umgang mit Social Media oder im Kaufverhalten.

Damit kann man eine ganze Reihe von Patienten mit Verhaltenssüchten aufspüren. Auch bei bekanntem ADHS sollte man solche Fragen stellen.

Gerade junge Menschen mit exzessivem Computer- und Internetgebrauch lehnen aber ein Gespräch oder eine Behandlung ab, weil es Ihnen ja subjektiv gut geht, wenn sie gamen können.

Tatsächlich leiden diese Menschen nicht, solange sie am Computer spielen können. Sie haben ihre sozialen Kontakte im Netz und spüren daher wenig Motivation, etwas zu ändern. Machen die Eltern in so einer Situation Druck und sagen: “Jetzt ist aber Schluss, schalt doch mal den Computer ab und geh’ raus!”, wird es oft erst richtig problematisch, weil die Jugendlichen dann ihre digitalen sozialen Kontakte verlieren und sich in ihrer Identität bedroht fühlen.

Welche Interventionsmöglichkeiten müssen Hausärztinnen und Hausärzte kennen?

Sie sollten wissen, dass es Suchtberatungsstellen* gibt, die zum Teil auf bestimmte Formen von Süchten spezialisiert sind. Ferner sollten sie Anlaufstellen für eine Schuldnerberatung** kennen.

Welche psychotherapeutischen Behandlungsmethoden sind bei Verhaltenssüchten geeignet?

Gut wirksam und evaluiert ist die kognitive Verhaltenstherapie. Die psychotherapeutische Behandlung von Verhaltenssüchten übersteigt aber üblicherweise die Möglichkeiten der hausärztlichen Praxis.

Gibt es pharmakologische Interventionen?

Einige Studien haben gezeigt, dass Opioidantagonisten wie Naltrexon oder Nalmefen bei Glücksspielsucht wirksam sein können, aber die Anwendung erfolgt off label und wird – wenn überhaupt – in Deutschland von den Krankenkassen nur finanziert, wenn der Antrag von Spezialisten kommt.

Was man dagegen gut behandeln kann, ist die oft bestehende psychiatrische Komorbidität, etwa in Form einer Depression. Im Fall von Verhaltenssüchten empfehle ich aber, auch diese Behandlung Spezialisten zu überlassen.

* Suchtberatungsstellen sind zum Beispiel auf der Website der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. aufgelistet: www.dhs.de/service/suchthilfeverzeichnis.

** In Deutschland wird die Schuldnerberatung primär von Landkreisen und kreisfreien Städten selbst oder in Zusammenarbeit mit Verbraucherzentralen oder Wohlfahrtsverbänden wie Caritas, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt (AWO) und Deutsches Rotes Kreuz (DRK) angeboten.

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