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InfektiologieZecken auf Zack

Zecken übertragen nicht nur Erreger wie Borrelien und das FSME-Virus, sondern zum Beispiel auch Francisellen, den Erreger der Tularämie. Von dieser Erkrankung gibt es sechs verschiedene Formen, an welcher Form ein Mensch erkrankt, hängt vom Infektionsweg ab. Gegen Tularämie gibt es derzeit keine Impfung – bei Borreliose tut sich hingegen etwas.

In Deutschland gibt es rund 20 verschiedene Zeckenarten, am häufigsten ist Ixodes ricinus, der Gemeine Holzbock.

Zecken sind die wichtigsten Krankheitsüberträger in Europa. Sie können neben Viren und Bakterien auch Protisten und Helminthen übertragen (s. Kasten), betonte Prof. Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim bei einer Ärztefortbildung im Rahmen des Süddeutschen Zeckenkongresses.

In Deutschland gibt es rund 20 verschiedene Zeckenarten, am häufigsten ist Ixodes ricinus, der Gemeine Holzbock – der seinen Namen übrigens deshalb trägt, weil die mit Blut vollgesogene Zecke einem Rizinussamen ähnelt (mehr Fakten zu Ixodes ricinus finden Sie im Kasten).

Borrelien: Impfstoffe in der Pipeline

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Zecke mit Borrelien infiziert ist, schwankt von Region zu Region stark und kann bis zu 30 Prozent betragen. Zudem wird der Erreger nicht bei jedem Stich übertragen, und nicht jeder Infizierte hat auch Symptome.

Nach Untersuchungen aus Deutschland und der Schweiz wurde nach einem Zeckenstich bei 2,6 bis 5,6 Prozent der Betroffenen eine Borrelien-Infektion nachgewiesen, berichtet das Robert Koch-Institut (RKI) [1]. Nur ein kleiner Teil der Infizierten erkrankt: Insgesamt ist laut RKI bei 0,3 bis 1,4 Prozent der Zeckenstiche mit Krankheitssymptomen zu rechnen.

Wichtig ist, die Zecke so früh wie möglich mit einer Pinzette oder Zeckenkarte zu entfernen: Das Tier muss eine längere Zeit saugen, bevor Borrelien übertragen werden, das Infektionsrisiko steigt nach einer Saugzeit von mehr als 12 Stunden [1].

“Die vollgesogene Zecke sollte dabei nicht gequetscht werden, um eine Übertragung von Borrelien zu verhindern. Außerdem sollten die Patienten darauf hingewiesen werden, dass sie die Bissstelle sechs Wochen nachbeobachten”, erklärte Prof. Sebastian Rauer von der Universitätsklinik Freiburg

(Tipp: In der S2k-Leitlinie “Kutane Lyme-Borreliose findet sich im Anhang 1 / Seite 47 eine Patienteninformation zum Vorgehen bei Zeckenstichen: www.hausarzt.link/88bC5).

Eine lokale oder systemische prophylaktische antibiotische Behandlung nach Zeckenstich empfiehlt die Leitlinie nur bei Auftreten eines Erythema migrans, vorzugsweise mit Doxycyclin (bei Kindern erst ab dem 9. Lebensjahr) oder mit Amoxicillin.

Rauer verwies in diesem Zusammenhang auf Hochrechnungen zu Infektionsrisiken in Endemiegebieten, nach denen 40-125 Prophylaxen durchgeführt werden müssten, um eine Erkrankung zu verhindern, weshalb die Prophylaxe nicht generell empfohlen werde.

Seit Jahrzehnten wird an einer Impfung gegen Lyme-Borreliose geforscht. Der erste Impfstoff, LYMErix®, wurde 1998 in den USA zugelassen, 2002 aber wieder vom Markt genommen. “Die Gründe hierfür sind nicht medizinischer Art. Berichte über unerwünschte Impfreaktionen bei einzelnen genetisch prädisponierten Personen wurden durch mehrere qualifizierte Studien widerlegt”, heißt es dazu in der Leitlinie. Derzeit befinden sich zwei Vakzinen in der Entwicklung, so Rauer:

  1. Der Impfstoffkandidat VLA15 von Valneva/Pfizer und
  2. zwei mRNA-Impfstoffe von Moderna (mRNA-1975 und mRNA-1982).

Während die beiden mRNA-Impfstoffe derzeit in Phase-1/2-Studien geprüft werden, sind die Studien zu VLA15 bereits weiter fortgeschritten, erste Daten aus Phase-3-Studien (u.a. der Valor-Studie) liegen vor. Ein Zulassungsantrag wird laut Rauer erwartet.

Francisellen: Tularämie in der ärztlichen Praxis

Menschen infizieren sich mit Francisellen – Bakterien, die die Tularämie oder Hasenpest auslösen – über Zeckenstiche, den Kontakt mit infizierten Tieren oder beim Einatmen des Erregers. “Auf Martha‘s Vineyard, einer kleinen Insel östlich von New York, gab es beispielsweise eine Häufung von Tularämie-Fällen, die vermutlich auf eine Verwirbelung bei Mäharbeiten zurückzuführen ist. Wahrscheinlich ist ein infizierter toter Hase in den Mähdrescher gelangt”, berichtete Oberstabsarzt Jan Klaas Janßen vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr. In Deutschland gebe es etwa 200 Fälle pro Jahr, zumeist im Spätsommer und Herbst.

Häufig betroffen seien Jägerinnen und Jäger, Waldarbeiter und Landwirte, teils auch Laborpersonal. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung sei nur in sehr seltenen Fällen berichtet, bei Infizierten sei das Einhalten der Basishygiene daher zum Infektionsschutz ausreichend, so Janßen.

Die häufigste in Deutschland vorkommende Tularämie-Form ist laut Janßen die ulzeroglanduläre Tularämie. Insgesamt gibt es sechs Krankheitsformen mit unterschiedlichen Symptomen. An welcher Krankheitsform ein Mensch erkrankt, hängt vom Infektionsweg ab. “Bei der ulzeroglan-dulären Form findet die Übertragung über Hautkontakte und Zeckenstiche statt”, berichtete der Mediziner.

Typische Symptome seien eine regionale, oft einseitige Lymphadenopathie sowie grippeähnliche Symptome wie Fieber, Nachtschweiß, Fatigue und Gewichtsverlust, was in Zusammenschau auch den Symptomen einer malignen Erkrankung ähnele. Allerdings: “Bei einer malignen Erkrankung sind die geschwollenen Lymphknoten meist nicht schmerzhaft, bei Tularämie hingegen schon.

” Weitere Differenzialdiagnosen zur ulzeroglandulären Tularämie seien Pfeiffer’sches Drüsenfieber, Toxoplasmose und Tuberkulose. Kritisch: Bei einem späten Behandlungsbeginn können die Lymphknoten vereitern und nekrotisieren, sodass eine operative Exzision nötig werden kann. Je später die Diagnose, desto höher das Risiko – das gilt auch für Rezidive.

“Die Diagnose erfolgt klinisch sowie labordiagnostisch. Der direkte Nachweis über Blut, Gewebeproben (Leber, Milz) oder Abstriche gelingt nicht immer, sollte aber versucht werden”, meinte Janßen. Der häufigste Nachweis einer Infektion erfolge indirekt und retrospektiv durch den Nachweis spezifischer Antikörper im Serum ein bis zwei Wochen nach Symptombeginn. Das Bakterium ist von Natur aus resistent gegen Penicilline und andere Beta-Lactam-Antibiotika, die Therapie der Wahl seien daher Ciprofloxacin oder Doxycyclin.

FSME-Virus: Warum kommt es zu Impfdurchbrüchen?

Im vergangen Jahr wurde mit 693 FSME-Erkrankungen die dritthöchste Erkrankungszahl seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 2001 gemeldet [3]. Damit wurde nach dem bislang fallstärksten Jahr 2020 ein weiterer Höchstwert erreicht. Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig: Der Klimawandel, sehr wahrscheinlich aber auch die geringe Impfrate, sagte Prof. Gerhard Dobler, ebenfalls vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr.

Dobler stellte neue Daten zu FSME-Impfdurchbrüchen vor: “In sehr seltenen Fällen kommt es zu Impfdurchbrüchen, wobei eine Studie gezeigt hat, dass bei 80 Prozent der Impfdurchbrüche das Impfschema nicht eingehalten wurde, vor allem bei der Grundimmunisierung”, berichtete Dobler.

Eine weitere Studie habe ergeben, dass Impfungen mit unterschiedlichen Impfstoffen – ähnlich wie es auch bei der Corona-Impfung bekannt ist – zu höheren Antikörpertitern kommt [4]. “Man sollte also zwischen den beiden verfügbaren Impfstoffen abwechseln”, riet der Virologe.

Zecken in Deutschland: Neue Arten wandern ein

Künftig könnten uns neben dem heimischen Holzbock weitere Zeckenarten auf Trab halten: Die Hyalomma-Zecke sei wahrscheinlich über Zugvögel aus Afrika eingeschleppt worden, berichtete Ute Mackenstedt. Im Gegensatz zum heimischen Holzbock kann Hyalomma sehen und geht aktiv auf die Jagd. “Dabei ist sie für eine Zecke sehr schnell”, so Mackenstedt. Im Moment gehe sie aber nicht davon aus, dass die Hyalomma-Zecke in Deutschland endemisch ist.

Auch Rhipicephalus sanguineus, die braune Hundezecke, stammt ursprünglich aus Nordafrika und könnte hierzulande heimisch werden. Denn: In beheizten Einrichtungen wie Wohnungen fühlt sich die Zecke wohl – und kann überleben.

Quelle: Online-Ärztefortbildung im Rahmen des 8. Süddeutschen Zeckenkongresses, 25. Februar 2026


Hinweis: Die Ärztefortbildung im Rahmen des Süddeutschen Zeckenkongresses wurde unterstützt von den Unternehmen Pfizer und Bavarian Nordic. Der Veranstalter, die Universität Hohenheim, weist darauf hin, dass keine Interessenskonflikte bestehen und die Inhalte produkt- und dienstleistungsneutral gestaltet sind.


Literatur:

  1. FAQ des RKI zu Borrelien
  2. S2k-Leitlinie “Kutane Lyme-Borreliose”: www.hausarzt.link/88bC5
  3. Epid Bull 9/26
  4. doi 10.3390/vaccines11061044
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