© Hausärztliche Praxis Tab. 2: Kontraindikationen zur Kompressionstherapie (modifiziert nach [1, 6])
Worauf bei AVK und älteren Menschen zu achten ist
Sowohl die CVI als auch die AVK sind häufige Krankheitsbilder, speziell bei älteren Menschen. Unter 1.416 Patienten mit einem venös bedingten Ulcus fanden sich 14 Prozent mit einer begleitenden AVK (ABI 0,5 – 0,8) und bereits zwei Prozent mit einer kritischen Ischämie (ABI <0,5) [7] .
Was passiert eigentlich bei der kontrollierten Kompressionstherapie der Beine? Die Angst vor einem Kompressionsschaden durch Minderperfusion des Gewebes scheint unbegründet. Rosales et al. untersuchten den mikrovaskulären Blutfluss während einer Kompressionsbehandlung mit 30 mmHg [8] . Bei gesunden Probanden zeigte sich eine Flussverbesserung im Bereich der Muskulatur um 39,8 Prozent. Bei Menschen mit Diabetes fand sich ebenfalls eine signifikante Verbesserung um 17,7 Prozent.
Auch in der Gefäßchirurgie wird bei AVK-Patienten nach peripherer Bypasschirurgie zur Prophylaxe und Therapie eines postoperativen Beinödems die Hochlagerung und Kompressionstherapie empfohlen [9] .
Arthur et al. beobachteten die reduzierte Kompressionstherapie bei problematischen Patienten über ein Jahr. In Gruppe 1 wurden Patienten betreut, die bei diagnostiziertem UCV eine Standard-Kompression abgelehnt bzw. nicht toleriert hatten. In Gruppe 2 fanden sich Patienten mit Ulcus cruris mixtum bei einem ABI < 0,8. In beiden Gruppen wurde die Kompression mit reduzierten Drücken in 95 Prozent toleriert und es kam bei 76 Prozent zur Ulcusabheilung [10] .
Eine Anwendungsbeobachtung zeigte für eine Kompressionstherapie mit moderaten Drücken um 30 mmHg bei Patienten mit Ulcus cruris und AVK (ABI 0,5 – 0,8) über 14 Tage keine Komplikationen und eine gute Verträglichkeit [5] .
Mosti et al. untersuchten 2011 bei 25 Patienten mit Ulcus cruris mixtum (CVI und AVK mit ABI 0,5 – 0,8 oder Dopplerdruckwerten am Knöchel > 60 mmHg) die arterielle Perfusion des Beins während einer Kompressionstherapie mit Kurzzugbinden und 40 mmHg. Bei diesen Patienten wurde die arterielle Perfusion durch die angewandte Kurzzugkompression nicht eingeschränkt, die reduzierte venöse Pumpfunktion vor allem beim Gehen aber verbessert [11] .
Eine retrospektive Analyse von 180 Patienten mit Ulcus cruris verglich die Ergebnisse der Kompressionstherapie bis 40 mmHg bei Patienten mit rein venös bedingtem Ulcus und venösem Ulcus mit begleitender AVK (ABI 0,5 – 0,8). In der AVK-Gruppe wurde keine arterielle Revaskularisation durchgeführt. Die mittlere Ulcus-Abheilungszeit war in der AVK-Gruppe signifikant verzögert (25,5 Wochen vs 23 Wochen), somit wurde die AVK als relevanter Risikofaktor für die Wundheilung definiert. Die Therapie des UCV mit einer Kompressionstherapie < 40 mmHg ist aber trotz diagnostizierter AVK (ABI 0,5 – 0,8) problemlos möglich [12] .
Gewebeperfusion verbessert sich
Die durch die externe Kompression erzwungene Entleerung der venösen Kapazitätsgefäße des Fußes und Unterschenkels zum Oberschenkel hin, führt zu einem verbesserten venösen Abfluss mit somit Erhöhung des arteriovenösen Druckgradienten, die den arteriellen Einstrom und Fluss unterstützt [13] .
Weiterhin entsteht im Rahmen der Kompressionstherapie, vor allem bei der intermittierenden pneumatischen Kompression (IPK), kurzfristig vermehrt “shear stress” auf die Endothelzellen der Gefäßwand [13] . Dadurch wird vermehrt Stickstoffoxid (NO) freigesetzt, das zur Gefäßdilatation und vermindertem peripheren Gefäßwiderstand führt [14] . Zusätzlich werden hierbei Gewebefaktoren freigesetzt, die den antikoagulatorischen Effekt der Kompressionstherapie unterstützen [15, 16].
Ein zusätzlicher Mechanismus betrifft den veno-arteriellen Reflex, der normalerweise beim gesunden stehenden Menschen den präkapillären Sphinkter dilatiert, um den arteriellen Zustrom zu verbessern. Bei chronischer AVK ist diese Autoregulation aufgrund der chronischen Ischämie reduziert. Die IPK führt zur Ausschaltung des Anteils der autoregulatorischen Vasokon-striktion und führt somit zur Verbesserung der Hautperfusion [17] . Ein weiterer sehr wichtiger Faktor zur Unterstützung der Wundheilung ist die Ödemreduktion durch Erhöhung des interstitiellen Gewebedrucks, der freie Flüssigkeit zurück in den Kreislauf zwingt. Hierdurch wird die Diffusionsstrecke zur Gewebeversorgung deutlich reduziert [17] .
Durch all diese Mechanismen führt der Druck unter dem Kompressionsverband zu einem verbesserten arteriellen Blutfluss, solange der Kompressionsdruck im Rahmen der Kompressionstherapie den arteriellen Perfusionsdruck nicht übersteigt [11, 18].
Der richtige Kompressionsdruck
Welches ist nun der richtige Kompressionsdruck? Dieser gewünschte und effektive Druck unterscheidet sich tatsächlich bei den verschiedenen Indikationen. Während zur Reduktion eines Stauungsödems ein Kompressionsdruck von 20 mmHg bereits sehr effektiv ist, sind zur erfolgreichen Therapie des UCV meist deutlich höhere Kompressionswerte von 40-60 mmHg sinnvoll [19, 20].
Dies ist durch den pathologisch erhöhten intravasalen Druck aufgrund der CVI begründet. Lage abhängig kommt es im Venensystem des gesunden Menschen im Stehen bereits zu einem hydrostatisch bedingten deutlichen Druckanstieg bis 100 mmHg.
Gleichzeitig ist die Mobilität des Patienten sehr wertvoll, da es vor allem durch die Wadenmuskelpumpe beim Gehen zu einer deutlichen Druckreduktion kommt. Dieser Mechanismus wird durch die externe Kompression mit hoher Steifigkeit (Stiffness) des Verbandmaterials unterstützt und es entsteht ein hoher Arbeitsdruck.
Behandlungspfad hilft weiter
Das Unterschenkelödem, stauungsbedingte Beschwerden einer CVI oder das UCV stellen gute Indikationen zur medizinischen Kompressionstherapie dar. Es folgt die unbedingt frühzeitig erforderliche Gefäßdiagnostik des arteriellen und venösen Gefäßsystems (Abb. 1).
© Eder Abb. 1: Diagnostikpfad zur Kompressionstherapie bei AVK [21]
Standard ist die farbkodierte Duplex-Sonographie des tiefen und oberflächlichen Venensystems. Sehr wichtig ist diese dynamische Untersuchung mit Einschätzung der Refluxproblematik. Arteriell werden eine Claudicatio-Symptomatik abgefragt und die Fußpulse getastet. Bei auffälliger Symptomatik bzw. nicht palpablen Pulsen erfolgt die Doppler-Untersuchung.
Ist der ABI aufgrund einer häufig bei Diabetes auftretenden Mediasklerose oder bei massiven Ödemen oder Schmerzen nicht verwertbar, stehen mit dem Burgers- und Pole-Test weitere einfache klinische Untersuchungsmöglichkeiten zur Verfügung [21] . Hiermit kann dieser Grenzwert von 60 mmHg arteriellem Perfusionsdruck sehr verlässlich überprüft werden.
Nur die schwere AVK mit einem ABI < 0,5 und entsprechender Klinik diagnostiziert eine kritische Ischämie und stellt eine Kontraindikation zur Kompressionstherapie dar – hier ist dann dringlich die Revaskularisation erforderlich. In den anderen Fällen (ABI 0,5 – 0,8 oder Dopplerdruck Knöchelbereich > 60 mmHg) handelt es sich um eine begleitende AVK, die keinen Einfluss auf eine indizierte Kompressionstherapie hat. Hier ist eine kontrollierte Kompressionstherapie (geringer Ruhedruck, hoher Arbeitsdruck) bis 40 mmHg möglich und sinnvoll [22] .
In der 2023 publizierten Review-Arbeit mit der Frage nach Kompressionstherapie bei AVK gehen die Autoren einen Schritt weiter und konkludieren abschließend:
Clinicians should not fear using compression therapy in PAD [23] – keine Angst vor AVK!
Fazit
Die medizinische Kompressionstherapie der Unterschenkel ist ein wichtiger Therapiepfeiler der gesamten Gefäßmedizin. Als mögliche Kontraindikation gilt es die AVK zu diagnostizieren und zu bewerten. Nur die fortgeschrittene AVK mit kritischer Ischämie stellt eine Kontraindikation zur Kompressionsbehandlung dar.
Somit ist bei vielen Patienten mit guter Indikation zur Kompression und begleitender AVK eine kontrollierte und effektive Kompressionstherapie bis 40 mmHg möglich. Wichtig hierfür sind eine gute Ausbildung und Anleitung.
Serie “Kompression”
Teil 2 der Serie mit dem Thema “Kompression und Polyneuropathie” erscheint in Ausgabe 11/25 am 20.6.2025.
Mögliche Interessenskonflikte:
Dr. Stephan Eder: Urgo und Hartmann.
Prof. Dr. Joachim Dissemond: 3M, Curea, medi, Juzo, Lohmann& Rauscher, Smith & Nephew, Thuasne und Urgo.
Prof. Dr. Markus Stücker: Bauerfeind, Juzo, Viatris, Mölnlycke, medi, Huntleigh Healthcare Ltd., Rheacell, Urgo und eurocom.
PD Dr. Severin Läuchli: Kerecis und Urgo.
Kerstin Protz: Bauerfeind, Curea, Juzo, medi, Lohmann & Rauscher, Hartmann und Urgo.
Dr. Jürg Traber: Urgo, PIOMIC
Literatur:
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