Hiermit loggen Sie sich bei DocCheck aus.
Abbrechen

UnterschenkelödemeDicke Beine: Zuerst das Ödem einordnen!

Unterschenkelödeme gehören zu den häufigsten Befunden in der hausärztlichen Praxis. Hinter "dicken Beinen" können jedoch sehr unterschiedliche Ursachen stehen. Eine kausal orientierte Behandlung setzt deshalb zunächst die Einordnung des Ödems voraus.

Nicht jedes Beinödem ist primär lymphatisch.

Ein Ödem entsteht durch ein Ungleichgewicht zwischen Flüssigkeitsaustritt aus den Kapillaren und dem Rücktransport über venöse und lymphatische Systeme. Wesentliche pathophysiologische Mechanismen sind:

  • Erhöhter hydrostatischer Druck: Etwa bei chronisch-venöser Insuffizienz (CVI) oder Rechtsherzinsuffizienz.
  • Verminderter kolloidosmotischer Druck: Infolge einer Hypoalbuminämie, beispielsweise bei nephrotischem Syndrom oder fortgeschrittener Lebererkrankung.
  • Erhöhte Kapillarpermeabilität: Etwa bei entzündlichen Prozessen, allergischen Reaktionen oder Verbrennungen.
  • Gestörter lymphatischer Abfluss: Beispielsweise bei primären oder sekundären Lymphödemen nach Operationen, Bestrahlung oder Tumorerkrankungen.

Auch Medikamente können periphere Ödeme begünstigen. Besonders relevant sind unter anderem Dihydropyridin-Kalzium-Antagonisten. Bei der Anamnese sollten deshalb Begleiterkrankungen und Medikation systematisch berücksichtigt werden.

Nicht jedes Beinödem ist primär lymphatisch. Bei neu aufgetretenen, asymmetrischen oder rasch zunehmenden Schwellungen müssen insbesondere tiefe Venenthrombosen, kardiale, renale und hepatische Ursachen sowie venöse Erkrankungen berücksichtigt werden.

Bevor eine kräftige Kompression rezeptiert wird, ist eine vaskuläre Abklärung zum Ausschluss einer relevanten arteriellen Durchblutungsstörung (pAVK) zwingend erforderlich. Neben einer floriden pAVK stellt auch die fortgeschrittene periphere Neuropathie (z. B. bei schwerem Diabetes mellitus) eine wichtige Kontraindikation dar, da Patienten druckbedingte Gewebeschäden oft nicht rechtzeitig spüren.

Erst nach Einordnung der Ursache lässt sich die geeignete Strategie festlegen. Die aktuelle AWMF S2k-Leitlinie zur medizinischen Kompressionstherapie umfasst dabei medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS), Medizinische Kompressionsverbände (MKV) und medizinische adaptive Kompressionssysteme (MAK).

Erst Entstauung, dann Kompression

Bei ausgeprägten Ödemen beziehungsweise lymphatischen Erkrankungen kann zunächst eine Entstauungsphase erforderlich sein. Ziel ist es, den Extremitätenumfang und insbesondere das ödematöse Gewebe so weit zu reduzieren, dass anschließend eine passgerechte definitive Kompressionsversorgung erfolgen kann.

Eine starre Zeitvorgabe von vier bis sechs Wochen ist dabei nicht sinnvoll: Die Dauer richtet sich nach Ausmaß, Ursache und Dynamik des Ödems sowie nach dem Therapieerfolg.

Für die Entstauung stehen unterschiedliche Systeme zur Verfügung:

  • Medizinischer Kompressionsverband (MKV): Mehrlagige Verbände mit geeigneter Polsterung und unelastischen beziehungsweise kurzzügigen Materialien ermöglichen eine hohe Steifigkeit und damit einen ausgeprägten Arbeitsdruck bei vergleichsweise niedrigem Ruhedruck. Sie sind besonders bei stark ausgeprägten oder formveränderten Ödemen flexibel einsetzbar.
  • Mehrkomponentensysteme: Vorgefertigte Systeme vereinfachen die standardisierte Anlage und können gegenüber konventionellen Verbänden eine bessere Alltagstauglichkeit bieten. Ihr Einsatz ist insbesondere dann interessant, wenn eine zuverlässige und möglichst konstante Kompression erreicht werden soll.
  • Medizinische adaptive Kompressionssysteme (MAK): Klettbasierte Wrap-Systeme ermöglichen eine individuelle Anpassung des Anpressdrucks. Ein wesentlicher Vorteil ist die Möglichkeit zur Nachjustierung bei Umfangsveränderungen während der Entstauung. Dadurch können sie insbesondere das Selbstmanagement und die Versorgung im ambulanten Bereich erleichtern.

Die manuelle Lymphdrainage kann bei lymphatischen Erkrankungen Bestandteil einer KPE sein. Sie sollte jedoch nicht als Ersatz für eine wirksame Kompression verstanden werden: Die Kompression bleibt ein wesentlicher therapeutischer Bestandteil der Entstauung und der langfristigen Ödemkontrolle.

Individuell passende Kompressionsstrümpfe

Nach erfolgreicher Umfangsreduktion sollte die definitive Kompressionsversorgung angepasst und regelmäßig kontrolliert werden. Entscheidend sind dabei nicht allein die Strickart, sondern vor allem Diagnose, Gewebequalität, Extremitätenform, Ödemdynamik, Mobilität und die Fähigkeit des Patienten zum selbstständigen An- und Ausziehen.

  • Rundgestrickte Kompressionsstrümpfe sind nahtlos, vergleichsweise dünn und elastisch. Sie eignen sich insbesondere bei venösen Erkrankungen und bei Ödemen mit relativ regelrechter Extremitätenform. Durch ihre hohe Elastizität können sie sich gut an Umfangsschwankungen anpassen.
  • Flachgestrickte Kompressionsstrümpfe besitzen eine Naht und sind in der Regel materialstabiler und weniger elastisch. Durch die individuelle Formgebung eignen sie sich besonders bei komplexen Extremitätenformen, ausgeprägten Lymphödemen und häufig auch bei Lipödemen. Sie können Hautfalten besser überbrücken und eine gezieltere Formstabilisierung ermöglichen. Die Entscheidung für Rund- oder Flachstrick sollte jedoch individuell und nicht allein anhand der Diagnose getroffen werden.

Sonderfall Lipödem

Das Lipödem unterscheidet sich pathophysiologisch vom klassischen Lymphödem. Im Vordergrund stehen eine symmetrische, disproportionale Fettgewebsvermehrung sowie Druck- und Berührungsschmerz. Eine primäre lymphatische Funktionsstörung ist definitionsgemäß nicht erforderlich.

Die aktuelle AWMF S2k-Leitlinie Lipödem empfiehlt die Kompression beim Lipödem primär zur Reduktion von Schmerzen und Beschwerden. Initial können MKS, Kompressionsverbände oder adaptive Kompressionssysteme eingesetzt werden; für die Langzeitversorgung werden im Routinefall MKS empfohlen.

Da das Lipödem sehr häufig mit einer Adipositas koinzidiert, stellt die Gewichtsstabilisierung bzw. -reduktion sowie eine gezielte Bewegungstherapie eine tragende, komplementäre Säule der hausärztlichen Therapie dar.

Ein Lipo-Lymphödem kann sich bei fortgeschrittenem Lipödem entwickeln, ist jedoch keine zwangsläufige Spätfolge jedes Lipödems. Sobald zusätzlich eine lymphatische Funktionsstörung vorliegt, gelten die entsprechenden lymphologischen Therapieprinzipien.

Was bedeutet das für die hausärztliche Praxis?

Bei “dicken Beinen” sollte nicht reflexartig ein Kompressionsstrumpf verordnet werden. Entscheidend ist zunächst die Frage: Warum ist das Bein geschwollen? Nach Ausschluss relevanter kardialer, renaler, hepatischer, venöser und arterieller Ursachen sowie neurologischer Kontraindikationen kann mit der Kompressionstherapie begonnen werden.

Bei ausgeprägten Ödemen sollte eine definitive Strumpfversorgung nicht losgelöst von einer möglichen Entstauungsphase betrachtet werden. Je nach Befund kommen Medizinische Kompressionsverbände, Mehrkomponentensysteme oder adaptive Kompressionssysteme infrage. Nach der Umfangsreduktion erfolgt die individuelle Anpassung der dauerhaften Kompressionsversorgung.

Fazit

Nicht das Rezept für den Strumpf steht am Anfang der Therapie, sondern die korrekte Diagnose und die Auswahl einer zur Erkrankung und zum Patienten passenden Kompressionsstrategie.

Der Autor hat keine Interessenkonflikte deklariert.

Quellen:

  1. Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie (DGPL). S2k-Leitlinie: Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), Medizinischem Kompressionsverband (MKV) und Medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK). AWMF-Registernummer: 037-005. (Aktuelle Fassung).
  2. Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie (DGPL). S2k-Leitlinie: Lipödem. AWMF-Registernummer: 037-012. (Aktuelle Fassung).
▲
E-Mail-Adresse vergessen? Schreiben Sie uns.
Passwort vergessen? Sie können es zurücksetzen.
Nur wenn Sie sich sicher sind.

Sie haben noch kein Passwort?

Gleich registrieren ...

Für Hausärztinnen und Hausärzte, Praxismitarbeitende und ÄiW (Allgemeinmedizin und Innere Medizin mit hausärztlichem Schwerpunkt) ist der Zugang immer kostenfrei.

Mitglieder der Landesverbände im Hausärztinnen- und Hausärzteverband profitieren außerdem von zahlreichen Extras.

Hier erfolgt die Registrierung für das Portal und den Newsletter.


Persönliche Daten

Ihr Beruf

Legitimation

Die Registrierung steht exklusiv ausgewählten Fachkreisen zur Verfügung. Damit Ihr Zugang freigeschaltet werden kann, bitten wir Sie, sich entweder mittels Ihrer EFN zu legitimieren oder einen geeigneten Berufsnachweis hochzuladen.

Einen Berufsnachweis benötigen wir zur Prüfung, wenn Sie sich nicht mittels EFN autorisieren können oder wollen.
(max. 5 Dateien; PDF, JPG, PNG oder TIF)

Mitglied im Hausärzteverband
Mitglieder erhalten Zugriff auf weitere Inhalte und Tools.
Mit der Registrierung als Mitglied im Hausärzteverband stimmen Sie zu, dass wir Ihre Mitgliedschaft überprüfen.

Newsletter
Sie stimmen zu, dass wir Ihre E-Mail-Adresse für diesen Zweck an unseren Dienstleister Mailjet übermitteln dürfen. Den Newsletter können Sie jederzeit wieder abbestellen.

Das Kleingedruckte
Die Zustimmung ist notwendig. Sie können Sie jederzeit widerrufen, außerdem steht Ihnen das Recht zu, dass wir alle Ihre Daten löschen. Jedoch erlischt dann Ihr Zugang.
Newsletter abbestellen

Wenn Sie den Newsletter abbestellen wollen, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an und wählen Sie die gewünschte Funktion. Wir senden Ihnen dann eine E-Mail zur Bestätigung.