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CME FORTBILDUNGArterielle Hypertonie

Dieser CME-Beitrag fasst zusammen, was Hausärztinnen und Hausärzte zur Diagnostik und Therapie der arteriellen Hypertonie wissen sollten.

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AUTOREN: Dr. Reinhard Merz, Dr. Ulrich Scharmer, Dr. Mana Schmidt-Haghiri

Gültig bis 16.06.2027

VNR: 2760909015389460012

3 CME-Punkte

Die Bayerische Landesärztekammer hat diesen Beitrag in der Kategorie I zur zertifizierten Fortbildung freigegeben.

 

 

Lernziele

Nach der Lektüre dieser CME-Fortbildung sollten Sie …
… Hypertonie leitliniengerecht diagnostizieren können.
… wissen, welche Faktoren die individuellen Therapieziele bestimmen.
… die empfohlenen nichtmedikamentösen und medikamentösen Therapiemaßnahmen kennen.
… sich der Bedeutung einer partizipativen Entscheidungsfindung für die Adhärenz bewusst sein.
… über das Vorgehen bei akutem Blutdruckanstieg sowie bei Hypertonie in der Schwangerschaft informiert sein.

Einleitung

Die arterielle Hypertonie ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen in der hausärztlichen Praxis. Als wichtigster Risikofaktor für Herzinfarkte und Schlaganfälle ist Bluthochdruck für jeweils rund 55 % dieser Ereignisse verantwortlich [1].

Die weltweite Relevanz der arteriellen Hypertonie wird durch eine altersstandardisierte globale Prävalenz in 2019 von 32 % (95 %-KI 30–34) für Frauen sowie 34 % (95 %-KI 32–37) für Männer berichtet (200 Länder / Regionen, Alter zwischen 30 und 79 Jahren) [2]. In Deutschland sank die Prävalenz zwischen 1990 und 2019, was dem weltweiten Trend in Ländern mit höherem Bruttoinlandsprodukt entspricht.

Etwa ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland ist betroffen. Nach Daten der DEGS1-Studie (2008–2011) weisen 31,6 % der Erwachsenen Blutdruckwerte ≥ 140/90 mmHg auf oder nehmen Antihypertensiva ein [3].

Neuere epidemiologische Daten bestätigen die anhaltend hohe Prävalenz, wenngleich in wohlhabenderen Ländern ein rückläufiger Trend zu beobachten ist. Systolischer und diastolischer Wert sind gleich relevant für das kardiovaskuläre Risiko – und unabhängig voneinander mit dem kombiniertem Endpunkt aus Myokardinfarkt, ischämischem oder hämorrhagischem Schlaganfall assoziiert [4].

Einige internationale Fachgesellschaften haben die Grenzwerte in den zurückliegenden Jahren verschärft. So hat die European Society of Cardiology (ESC) 2024 drei Kategorien eingeführt [6]:

  • nicht erhöht“: < 120 mmHg systolisch und < 70 mmHg diastolisch
  • „erhöht“: 120–139 systolisch oder 70–89 mmHg diastolisch
  • „Hypertonie“: ≥ 140 systolisch oder ≥ 90 mmHg diastolisch.

Das American College of Cardiology (ACC) und die American Heart Association (AHA) haben die Grenzwerte 2025 verschärft [21]:

  • „normal“: < 120 mmHg systolisch und < 80 mmHg diastolisch
  • „erhöht“: 120–129 systolisch und < 80 mmHg diastolisch
  • „Hypertonie Stadium 1: 130–139 mmHg systolisch oder 80–89 mmHg diastolisch
  • „Hypertonie Stadium 2: ≥ 140 systolisch oder ≥ 90 mmHg diastolisch.

Die gültige Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) Hypertonie von 2023 [5] definiert die arterielle Hypertonie ab einem Praxisblutdruck ≥ 140/90 mmHg (Tab. 1). Zusätzlich wird die isolierte systolische Hypertonie berücksichtigt.

Unbehandelte Hypertonie ist der wichtigste modifizierbare Risikofaktor für Schlaganfall, Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern und chronische Niereninsuffizienz. Kardiovaskuläre Erkrankungen sind trotz rückläufiger Mortalität weiterhin die führende Todesursache in Deutschland. Die hausärztliche Praxis ist der zentrale Ort für die Primärprävention und frühzeitige Diagnostik der Hypertonie. Neben der Erfassung von Blutdruckwerten ist die individuelle Risikoberatung wesentlich.

Diagnostik

Die Diagnostik der arteriellen Hypertonie ist eine der zentralen Aufgaben in der hausärztlichen Versorgung. Da die Hypertonie lange asymptomatisch verläuft und sich klinisch oft erst durch kardiovaskuläre Folgekomplikationen manifestiert, kommt der strukturierten und evidenzbasierten Diagnosestellung eine entscheidende Bedeutung zu. Überdiagnostik und Fehldiagnosen – etwa aufgrund einzelner erhöhter Messwerte in Stresssituationen – sind ebenso zu vermeiden wie die Unterdiagnostik bei Patienten mit hohem Gesamtrisiko.

Grundlage für die Diagnosestellung ist die wiederholte Blutdruckmessung unter standardisierten Bedingungen, ergänzt durch eine umfassende Anamnese, körperliche Untersuchung, Basis- und Labordiagnostik sowie eine strukturierte Abklärung möglicher sekundärer Ursachen (Abb. 1) [5].

Praxisblutdruckmessung – methodische Grundlagen

Die Praxisblutdruckmessung ist das diagnostische Kerninstrument. Sie unterliegt methodischen Anforderungen, die strikt eingehalten werden müssen, um valide Ergebnisse zu erzielen.

  • Ruhezeit: Der Patient sollte mindestens 5 Minuten in sitzender Position ruhen, bevor die erste Messung erfolgt.
  • Lagerung: Optimale Lagerung des Arms auf dem Tisch (nicht im Schoß) – bei herabhängendem (+6,5/4,4 mmHg) und bei Schoßlagerung (+3,9/4 mmHg) kommt es zum Überschätzen des Blutdrucks [7].
  • Messumgebung: Ein ruhiger Raum ohne Störungen ist essenziell.
  • Manschettengröße: entsprechend dem Armumfang wählen.
  • Messwiederholung: Initial beide Arme messen; anschließend am Arm mit den höheren Werten fortfahren. Differenzen > 10 mmHg können auf eine Gefäßstenose hinweisen.
  • Mehrfache Termine: Diagnose erfordert Messungen an mindestens zwei verschiedenen Tagen. Ein Einzelwert reicht zur Diagnosestellung nicht aus.

Die Grenzwerte für die Diagnose einer Hypertonie variieren je nach Messumgebung (Tab. 2):

  • Praxisblutdruck: ≥ 140/90 mmHg
  • Heimblutdruckmessung (HBPM): ≥ 135/85 mmHg
  • 24-Stunden-Blutdruckmessung (ABPM): Tagesmittelwert ≥ 135/85 mmHg, nächtliches Mittel ≥ 120/70 mmHg

Praxisblutdruckmessung ist am weitesten verbreitet, aber anfällig für Weißkittelhochdruck. Heimblutdruckmessung bildet den Alltag ab. Die Test-Test-Korrelation zwischen zwei Messungen ist am höchsten für die Heimblutdruckmessung [8], außerdem sind Patienten mit Selbstmessungen besser eingestellt als Patienten mit Praxismessung [9].

ABPM liefert die zuverlässigsten Daten inklusive Tag-Nacht-Profil. Sie ist indiziert bei Verdacht auf Weißkittelhochdruck oder maskierte Hypertonie, bei Diskrepanz zwischen Praxis- und Heimwerten, bei Therapieresistenz sowie zur Dokumentation der nächtlichen Blutdruckwerte. Allerdings sind die bisherigen Therapiestudien nur durch Praxismessungen validiert worden.

Weiterhin liefert die ABPM Informationen über den dynamischen Blutdruckverlauf (Nachtabsenkung / Dipping) und kann bei fehlendem Dipping wichtige Hinweise auf eine möglicherweise vorliegende sekundäre Hypertonie liefern, insbesondere obstruktive Schlafapnoe.

Anamnese und Basisdiagnostik

Die Anamnese umfasst familiäre Vorbelastung, Lebensstil, Medikamenteneinnahme und Symptome wie Tremor und Tagesmüdigkeit. Besondere Aufmerksamkeit gilt Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht, Stress und Symptomen, die auf sekundäre Ursachen hinweisen können (z. B. Palpitationen, Muskelschwäche, Schlafapnoe, Hyperthyreose) [5].

Die körperliche Untersuchung dient der Erfassung von Risikofaktoren und Endorganschäden [5] (Tab. 3).

Die Basisdiagnostik umfasst Serumkreatinin und eGFR, Elektrolyte, Glukose, Lipidprofil, Urinstatus sowie ein Ruhe-EKG. Ziel ist die Identifikation von Endorganschäden, Begleiterkrankungen und kardiovaskulären Risikofaktoren (Tab. 4).

Bei bestätigter Diagnose Hypertonie sind im Rahmen der Basisdiagnostik von Endorganschäden oder zur Identifikation von Hinweisen für eine sekundäre Hypertonie weitere laborchemische Untersuchungen möglich (Tab. 5).

Nicht zur leitliniengerechten Basisdiagnostik gehören Dopplersonografie der Karotiden, Funduskopie und Echokardiografie. Diese Untersuchungen sind nur indiziert, wenn die Basisdiagnostik (z.B. EKG, Auskultation) oder Symptome Hinweise auf entsprechende Endorganschäden an Karotiden, Retina oder Herz ergeben haben.

Bei Verdacht auf sekundäre Hypertonie kommen zusätzliche Untersuchungen infrage: endokrine Abklärung (Hyperaldosteronismus, Phäochromozytom, Cushing-Syndrom, Schilddrüse), renale Diagnostik (Ultraschall, CT / MRT), Polygrafie bei Schlafapnoe.

Die primäre (essenzielle) Hypertonie macht über 90 % der Fälle aus. Sekundäre Ursachen sind spezifisch behandelbar und machen etwa 5–10 % aus. An eine sekundäre Hypertonie ist zu denken bei klinischen Hinweisen auf Phäochromozytom, Hyperaldosteronismus, Akromegalie, Cushing-Syndrom, Hyper‑/Hypothyreose, renale Erkrankungen, Schlafapnoe.

Partizipative Entscheidungsfindung

Nach Diagnosestellung erfolgt die individuelle Risikoeinschätzung mittels validierter Scores wie arriba. Die gemeinsame Entscheidungsfindung ist für eine gute Adhärenz zentral: Ärzte erläutern Nutzen und Risiken, Patienten bringen ihre Präferenzen ein, Therapieziele werden gemeinsam festgelegt.

Therapie

Die Behandlung der arteriellen Hypertonie verfolgt mehrere zentrale Ziele: Sie soll die krankheitsbezogene Lebensqualität verbessern, die Morbidität verringern, die Entwicklung kardiovaskulärer Folgeerkrankungen vermeiden und letztlich die Sterblichkeit senken.

Da die Hypertonie in der Regel über viele Jahre asymptomatisch verläuft, kommt der hausärztlichen Versorgung eine besondere Verantwortung zu. Sie ist die erste Anlaufstelle für die meisten Patientinnen und Patienten und spielt eine entscheidende Rolle bei Diagnosestellung, Beratung, Einleitung der Therapie und langfristiger Betreuung. Von zentraler Bedeutung ist die partizipative Entscheidungsfindung.

Therapieziele

Ziel aller therapeutischen Maßnahmen ist es, den Blutdruck so weit zu senken, dass das Risiko für Endorganschäden und kardiovaskuläre Ereignisse reduziert wird, ohne dass es zu relevanten Nebenwirkungen oder Beeinträchtigungen der Lebensqualität kommt.

Die NVL empfiehlt für die meisten Patienten einen Zielwert unter 140/90 mmHg (Abb. 2) [5]. Es gibt jedoch individuelle Gründe, davon abzuweichen. Der angegebene Zielkorridor soll als Orientierung für die individuelle Einschätzung dienen, welcher Blutdruckzielwert auf Basis der vorliegenden persönlichen Situation angemessen erscheint (Abb. 2).

Die neben den Pfeilen angegebenen Einstufungen „niedrig“, „hoch“, „gering“ usw. beziehen sich auf die jeweiligen Einflussfaktoren Lebenserwartung, Alter, Einfluss Polymedikation usw. und geben Hinweise auf eine mögliche Abweichung zum Zielwert innerhalb des Zielkorridors.

Wiederholte Evaluation der Therapiestrategie sowie der Behandlungsziele im Verlauf der Behandlung ist essenziell, da diese sich durch die Änderung der individuellen Situation verschieben können [5]. Für ältere Patienten kommen Studien zu gegensätzlichen Ergebnissen:

  • Bei gebrechlichen Patienten in der Altersgruppe 60–80 Jahre bringt nach Ergebnissen der STEP- Studie eine Senkung < 140 mmHg einen Rückgang der Mortalität. Die Autoren empfehlen eine Senkung des systolischen Blutdrucks unter 130 mmHg [10].
  • In der Leiden-85-Plus Studie [11] war eine medikamentöse Blutdrucksenkung dagegen mit höherer Gesamtmortalität und schnellerem kognitiven Abbau bei schneller Absenkung assoziiert.
  • Auch in der BOSS-Studie [12] zeigten Patienten mit niedrigem diastolischen Blutdruck (< 60 mmHg) fast 5-mal häufiger (HR = 4,86) einen kombinierten Endpunkt aus Tod oder einem kardiovaskulären Ereignis.

Bei gebrechlichen Menschen oder Patienten mit Multimorbidität sind daher individuelle Anpassungen angezeigt.

Der arriba-Rechner „kardiovaskuläre Prävention“

Er erfasst folgende Parameter: Alter, Geschlecht, systolischer Blutdruck, Rauchen (ja / nein), Gesamtcholesterin, HDL-Cholesterin, blutdrucksenkende Medikation (ja / nein), Diabetes (HbA1c), manifeste KHK bei Verwandten 1. Grades.

Die Rolle des Blutdrucks für das 10-Jahres-Risiko eines kardiovaskulären Ereignisses verdeutlicht folgendes Beispiel eines 69-jährigen männlichen Patienten mit sonst geringen Risiken (Nichtraucher, Gesamtcholesterin 135, HDL 70, kein Diabetes): Bei einem systolischen Blutdruck von 90 mmHg beträgt es 5,5 % und steigt auf 7,4 % bei 115 mmHg und auf 12,5 % bei 175 mmHg. Der Vergleich mit dem Risiko eines durchschnittlichen 69-jährigen Mannes – es liegt bei 15,8 % – hilft bei der partizipativen Entscheidungsfindung.

Hinweis: Besteht bereits eine manifeste Gefäßkrankheit, liegt das 10-Jahres-Risiko immer über 50%. Laut arriba ist dann generell eine maximale Blutdruckbehandlung (Ziel < 140/90 mmHg) erforderlich.

Nichtmedikamentöse Therapie

Die nichtmedikamentöse Therapie ist die Basis jeder Behandlung. Sie ist unabhängig vom Schweregrad der Hypertonie indiziert und sollte bei allen Patienten durchgeführt werden. Auch wenn Medikamente notwendig sind, bleibt die Lebensstilmodifikation eine unverzichtbare Ergänzung.

  • Besonders wichtig ist die Gewichtsreduktion. Schon eine moderate Abnahme von 5 bis 10 % kann zu einer deutlichen Blutdrucksenkung führen. Ein Ziel-BMI unter 25 kg/m² gilt als günstig, wobei bei älteren Patienten individuelle Anpassungen sinnvoll sind [13].
  • Die Ernährung sollte salzarm und nährstoffreich sein. Empfohlen wird eine Kochsalzzufuhr von weniger als 6 g proTag. Die DASH-Diät, reich an Obst, Gemüse und Vollkornprodukten, gilt als besonders wirksam [14].
  • Regelmäßige Bewegung wirkt blutdrucksenkend. Empfohlen werden mindestens 150 Minuten moderates Ausdauertraining pro Woche oder 75 Minuten intensivere Aktivität, ergänzt durch muskelkräftigende Übungen an 2 Tagen pro Woche [15].
  • Alkoholkonsum einschränken: Männer < 20 g pro Tag, Frauen < 10 g/Tag. Noch günstiger ist ein weitgehender oder vollständiger Verzicht.
  • Ein Rauchstopp ist dringend zu empfehlen, da Rauchen unabhängig vom Blutdruck das kardiovaskuläre Risiko erhöht. Darüber hinaus sind Stressbewältigung und Entspannungsverfahren wichtige ergänzende Maßnahmen.

Für die nichtmedikamentöse Therapie können auch die Empfehlungen der DEGAM-Leitlinie Hausärztliche Risikoberatung zur kardiovaskulären Prävention [16] herangezogen werden.

Medikamentöse Therapie

Die Entscheidung für eine medikamentöse Therapie hängt vom Schweregrad der Hypertonie und vom individuellen Risiko ab. Bei Grad 2 (> 160/100 mmHg) und 3 (> 180/110 mmHg) ist eine sofortige Therapie angezeigt, bei Grad 1 zunächst Lebensstiländerungen, außer es liegt ein hohes Risiko vor. Die Therapie ist meist langfristig, häufig lebenslang [5].

Vier Wirkstoffklassen gelten als gleichwertige Erstlinientherapien: ACE-Hemmer (ACEI), Angiotensin-II-Rezeptorblocker (ARB), Kalziumantagonisten und thiazidartige Diuretika. Betablocker sind (im Gegensatz zur Vorgängerversion der NVL Hypertonie) nur bei speziellen Indikationen wie KHK, Herzrythmussstörungen oder Herzinsuffizienz erste Wahl [5].

Bleibt der Erfolg aus, folgt eine Dreifachkombination. Von therapieresistenter Hypertonie spricht man, wenn die vereinbarten Zielwerte trotz Dreifachtherapie inklusive Diuretikum nicht erreicht werden. In diesen Fällen kommen Aldosteronantagonisten oder weitere Substanzen hinzu (Abb. 3) [5].

Fixkombinationen verbessern die Adhärenz und erleichtern die Einnahme, schränken jedoch die Flexibilität in der Dosierung ein. Die NVL bewertet sie insgesamt positiv, empfiehlt jedoch eine individuelle Entscheidung [5]. Neben den Erstlinienmedikamenten stehen weitere Substanzen zur Verfügung: Aldosteronantagonisten bei therapieresistenter Hypertonie, Alpha-Blocker bei gleichzeitiger Prostatahyperplasie, zentrale Alpha-2-Agonisten wie Clonidin in Ausnahmefällen sowie direkte Vasodilatatoren wie Minoxidil bei schwerer therapieresistenter Hypertonie [5].

Interaktionen sind gut erforscht und bei Polymedikation häufig, aber nicht immer relevant. Die Bedeutung der Interaktionen steigt spätestens dann, wenn mehr als zwei Wirkstoffe auf einen Parameter oder auf ein Organ einwirken. Dies können auch Wirkstoffe der Selbstmedikation sein (z. B. NSAR) [5] (Tab. 6).

Monitoring und Verlaufskontrolle

Nach Beginn einer Therapie ist eine engmaschige Überprüfung erforderlich, erstmals nach 4 bis 6 Wochen. Anschließend richtet sich die Frequenz nach dem Risiko, in der Regel vierteljährlich bis halbjährlich. Neben dem Blutdruck werden auch Laborwerte kontrolliert, um Elektrolytstörungen oder Nierenfunktionsstörungen frühzeitig zu erkennen. Patienten sollten aktiv eingebunden werden, etwa durch Heimblutdruckmessungen und das Führen eines Blutdrucktagebuchs (Abb. 4, Tab. 7).

Bei älteren Menschen muss eine Übertherapie vermieden werden, um Schwindel, Stürze und kognitive Einschränkungen zu verhindern. Das Ziel liegt < 140/90 mmHg. In der Schwangerschaft gelten besondere Regeln (siehe folgenden Kasten).

Zur Förderung der Adhärenz gibt die NVL folgende Empfehlungen:

  • Bei Nichterreichen individueller Therapieziele und vor Intensivierung der Therapie: Empfehlung zur rüfung der Adhärenz und Lebensstiländerung und Gespräch über Adhärenzbarrieren
  • Empfehlung zur weiteren Klärung und Vereinbarung individueller Therapieanpassung (u. a. vereinfachung von Dosierungsschemata, externe Hilfen oder Erinnerungssysteme) bei möglichen Adhärenzbarrieren
  • Bei unzureichender Wirksamkeit verordneter Medikamente: Empfehlung zur Erfragung der Medikamentenadhärenz vor einer Therapieeskalation und ggf. Ermitteln bestehender Barrieren sowie Vereinbarung von Maßnahmen zu deren Überwindung
  • Bei persistierender Nonadhärenz: Empfehlung zu weitergehenden Maßnahmen zur Überwindung von Adhärenzbarrieren und aktiver Adhärenzförderung, ggf. mit fachpsychologischer bzw. psychotherapeutischer Unterstützung.

Hypertensive Entgleisung oder Notfall?

Eine wichtige Differenzierung ist die Dringlichkeit eines akuten starken Blutdruckanstiegs. Die NVL weist explizit auf die Definition der hypertensiven Entgleisung als Abgrenzung zum hypertensiven Notfall hin. Ein kurzfristiger Blutdruckanstieg auf Werte > 180 mmHg systolisch und / oder > 110 mmHg diastolisch OHNE Symptome eines Endorganschadens ist eine hypertensive Entgleisung, das ist in etwa 75 % der Fall. Sie entsteht meist ohne klar erkennbaren Auslöser [17].

Ziel der Maßnahmen ist eine allmähliche Senkung des Blutdrucks über die nächsten 24–48 h durch Anpassung der vorhandenen oralen Medikation. Als ambulant oral einsetzbare Notfallmedikamente nennt die NVL Amlodipin, Clonidin und Furosemid. Kurzwirksame/sublinguale Medikamente sollen ohne Hinweis auf einen hypertensiven Notfall vermieden werden.

Ein hypertensiver Notfall ist dagegen durch akute Endorganschäden gekennzeichnet und erfordert eine sofortige intensivmedizinische Behandlung (Abb. 5).

Versorgungskoordination

Die hausärztliche Praxis ist die zentrale Stelle der Langzeitbetreuung. Sie koordiniert die Zusammenarbeit mit Fachärzten bei speziellen Fragestellungen. Medizinische Fachangestellte und Versorgungsassistentinnen (VERAH) können in die Betreuung eingebunden werden, beispielsweise für Patientenschulungen, Monitoring oder Telemedizin. Die Förderung von Patientenschulung und Selbstmanagement ist entscheidend für den Therapieerfolg.

Zusammenfassung

Literatur

  1. GBD 2019 Stroke Collaborators. Global, regional, and national burden of stroke and its risk factors, 1990–2019: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2019. Lancet Neurol 2021; 20: 795–820
  2. NCD Risk Factor Collaboration (NCD-RisC). Worldwide trends in hypertension prevalence and progress in treatment and control from 1990 to 2019: A pooled analysis of 1201 population-representative studies with 104 million participants. Lancet 2021; 398: 957–80
  3. Robert Koch-Institut. DEGS: Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland – Projektbeschreibung. Beiträge zur Gesundheitsberichtserstattung des Bundes. Eigenverlag, Berlin, 2009. http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung /GBEDownloadsB/degs_projektbeschr.html
  4. Flint AC et al. Effect of Systolic and Diastolic Blood Pressure on Cardiovascular Outcomes. N Engl J Med 2019; 381: 243–251
  5. NVL Hypertonie 2023. https://register.awmf.org/ de/leitlinien/detail/nvl-009
  6. McEvoy JW et al. 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood
  7. Liu H et al. Arm Position and Blood Pressure Readings: The ARMS Crossover Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med 2024; 184: 1436–1442
  8. Stergiou G et al. Reproducibility of home, ambulatory, and clinic blood opressure: Implications for the design of trials for the assessment of antihypertensive drug efficacy. Am J Hypertens 2002; 15: 101–104
  9. McManus RJ et al. Efficacy of self-monitored blood pressure, with or without telemonitoring, for titration of antihypertensive medication (TASMINH4): an unmasked randomised controlled trial. Lancet 2018; 391: 949–959
  10. Deng Y et al. Achieved systolic blood pressure and cardiovascular outcomes in 60-80-year-old patients: the Strategy of Blood Pressure Intervention in the Elderly Hypertensive Patients (STEP) trial. Eur J Prevent Cardiol 2023; 30: 1017–1027
  11. Streit S et al. Lower blood pressure during antihypertensive treatment is associated with higher all-cause mortality and accelerated cognitive decline in the oldest-old. Data from the Leiden 85-plus Study. Age Ageing 2018; 47: 545–550
  12. Chen Z et al. Effect of Low Diastolic Blood Pressure to Cardiovascular Risk in Patients With Ischemic Stroke or Transient Ischemic Attacks Under Different Systolic Blood Pressure Levels. Front Neurol 2020; 11: 356
  13. Neter JE et al. Influence of weight reduction on blood pressure: a meta-analysis of randomized controlled trials. Hypertension 2003; 42: 878–884
  14. Juraschek SP et al. Effects of Sodium Reduction and the DASH Diet in Relation to Baseline Blood Pressure. J Americ Coll Cardiol 2017; 70): 2841–2848
  15. Ghadieh AS, Saab B. Evidence for exercise training in the management of hypertension in adults. Can Fam Physician 2015; 61: 233–239
  16. DEGAM. Hausärztliche Risikoberatung zur kadiovaskulären Prävention. S3-LeitlinieVersion 2.1 2024, WMFRegister-Nr. 053-024
  17. Hanebutte A, Wolfrum S. Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Hypertensiver Notfall. eMedpedia. Springer
  18. Leitlinie „Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie“ der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, DGGG, AWMF 015/018, Juli 2024
  19. Buckley BS et al. Gestational diabetes mellitus in Europe: prevalence, current screening practice and barriers to screening. A review. Diabet Med 2012; 29: 844-854
  20. DMP-Anforderungen-Richtlinie/DMP-A-RL zum DMP KHK vom 24.04.2025
  21. Hypertension. 2025;82:e212–e316. doi: 10.1161/ HYP.0000000000000249

CME-Infos

Diese Fortbildung ist gültig vom 16.06.2026 bis 16.06.2027

VNR: 2760909015389460012

Stand: Mai 2026

Autoren: Dr. Reinhard Merz, Dr. Ulrich Scharmer, Dr. Mana Schmidt-Haghiri.

Bei allen Autoren liegen keine Interessenkonflikte vor.

Die Bayerische Landesärztekammer (www.blaek.de) hat diesen Beitrag in der Kategorie I zur zertifizierten Fortbildung freigegeben. Die CME-Fortbildung ist damit auch für andere Ärztekammern anerkennungsfähig. Nach Absolvieren der Fortbildung erhalten Sie 3 CME-Punkte, wenn Sie mindestens 70 Prozent der Fragen richtig beantworten. Pro Frage ist jeweils nur eine Antwortmöglichkeit zutreffend. Bei erfolgreicher Teilnahme werden Ihnen die CME-Punkte automatisch auf Ihrem Fortbildungskonto gutgeschrieben. Außerdem erhalten Sie eine Teilnahmebestätigung zum Download.

Bei inhaltlichen Fragen zum Fortbildungsbeitrag erhalten Sie von der CME-Redaktion tutorielle Unterstützung: info@medizinundmedien.eu 

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Wir beantworten Anfragen in der Regel montags bis freitags zwischen 9 und 16 Uhr.

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