Prostatakrebs-Screening muss endlich GKV-Leistung werden
Die Effektivität eines organisierten PSA-basierten Screenings zur Senkung der prostatakrebsbedingten Mortalität ist laut Prof. Dr. Maurice Stephan Michel, Klinik für Urologie und Urochirurgie, Universitätsmedizin Mannheim, eindeutig nachgewiesen worden. “Dennoch existiert gegenwärtig in Deutschland kein Programm zur Früherkennung, das durch die gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird”.
Prof. Michel und sein Team haben deshalb kürzlich einen Algorithmus zur PSA-basierten Prostatakarzinomfrüherkennung entwickelt [1]. “Er trägt sowohl zur Senkung der Mortalität und palliativen Behandlungssituationen als auch zur lange erwünschten Reduktion der Überdiagnose und -therapie des Prostatakarzinoms bei”.
Damit gibt es klare Handlungsempfehlungen und Richtlinien zur Früherkennung. “Für deren flächendeckende Umsetzung bedarf es nun des Handelns von Seiten der Politik”, so der Appell von Prof. Michel. Die DGU richtete daher in Leipzig erneut ihre dringende Forderung an das Bundesgesundheitsministerium, ein evidenzbasiertes, organisiertes und risikoadaptiertes Prostatakarzinomfrüherkennungsprogramm als GKV-Leistung in Deutschland zu verankern.
Neue Leitlinienempfehlungen bei Nierenkrebs
Nach Angaben des Robert Koch-Instituts erkranken jährlich etwa 14.000 Bundesbürger an Nierenkrebs – Männer fast doppelt so häufig wie Frauen. Wie inzwischen belegt ist, können bei der Entstehung dieser Tumorerkrankung unter anderem erbliche Faktoren zum Tragen kommen: “Es gibt Kriterien, die auf eine erbliche Variante hinweisen können, unter anderem das Erkrankungsalter vor dem 47. Lebensjahr und die Erkrankung naher Familienangehöriger”, so Prof. Dr. Christian Doehn, Urologikum Lübeck.
Die Betreuung dieser erblich bedingten Patienten und ihrer Angehörigen ist äußerst komplex. “Sie geht weit über die urologische Versorgung hinaus”. Die aktualisierte S3-Leitlinie zum Nierenzellkarzinom wurde deshalb um das Kapitel “erbliche Tumoren” ergänzt [2].
Für das Management und die Behandlung ist die Identifikation von erblichen Nierentumoren äußerst wichtig. Bei der Therapieauswahl spielen die Tumorgröße, die Wachstumsgeschwindigkeit und ein multifokales Auftreten eine wichtige Rolle.
So kann in bestimmten Fällen die sogenannte aktive Überwachung angebracht sein. In anderen Fällen ist wiederum eine Operation oder eine gezielte fokale Therapie erforderlich. Bei Verdacht auf einen erblichen Tumor soll den Betroffenen laut der aktualisierten Leitlinie eine genetische Beratung und eine molekulargenetische Analyse angeboten werden. Die Angehörigen können sich ebenfalls genetisch beraten lassen.
Dennoch: Jenseits der genetischen Ursachen spielen Rauchen, Bluthochdruck, Übergewicht und eine chronische Niereninsuffizienz eine große ätiologische Rolle bei Nierenkrebs. Auch die brennbaren Lösungsmittel Trichlorethen oder Trichlorethylen, die im Arbeitsumfeld beispielsweise zur Metallreinigung angewendet werden, können die Tumorerkrankung begünstigen. Deshalb lassen sich Nierenzellkarzinome laut Prof. Doehn “auch als Berufskrankheit anerkennen”.
Digitale Transformation der Urologie
Ob KI-gestützte Bildgebung bei der PCa-Diagnostik, KI-basierte Tumor-Board-Empfehlungen oder App-basierte Therapien bei erektiler Dysfunktion, Harninkontinenz und benignem Prostatasyndrom – die Digitalisierung ist auch in der Urologie längst angekommen.
Für Prof. Geschwend nur logisch: “Wir sind ein Fach, das neue Methoden und Medikamente früh an die Patienten bringen will”. Das zeigt sich auch an der intensiven urologischen Öffentlichkeitsarbeit in sozialen Netzwerken wie LinkedIn, Instagramm & Co. Passend dazu fiel auf dem Kongress in Leipzig auch der Startschuss für die neue DGU-App 2.0, die sich an die Ärzteschaft ebenso wie an Patienten richtet.
Flächendeckende ambulante Versorgung in Gefahr
Strukturwandel, Fachkräftemangel, steigender Versorgungsbedarf aufgrund einer immer älter werdenden Bevölkerung: In der Urologie steht man vor den gleichen Problemen wie in der niedergelassenen Allgemeinmedizin. Wie der Berufsverband der Deutschen Urologen e.V. (BvDU) warnt, tritt in den kommenden Jahren etwa ein Viertel der urologischen Fachärzteschaft in den Ruhestand.
Damit sinkt der Versorgungsgrad bis 2040 auf 74 Prozent, da kumuliert rund 50.000 Urologen fehlen werden. Wenn nicht weit mehr – da die Tätigkeit im Gesundheitswesen aus Sicht der BvDU zunehmend weniger attraktiv gemacht wird. Entsprechend könnte, so die Befürchtung, die flächendeckende ambulante urologische Versorgung künftig nicht mehr aufrecht zu halten sein. Besonders gefährdet, wie auch bei der hausärztlichen Versorgung, sind die ländlichen Gegenden.
Was könnte helfen? Für Prof. Michel und viele andere Urologen liegt die Zukunft in regional abgestimmten Versorgungsnetzwerken aus Kliniken und Niedergelassenen. “Wir müssen Qualitätsstandards definieren, gemeinsam abgestimmt versorgen, gemeinsam ausbilden und eine gute Weiterspezialisierung in den Regionen sichern”.
Quelle: Vorträge im Rahmen des 76. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) vom 25. bis 28.9.2024 in Leipzig
Literatur: