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SchulabsentismusZu krank für die Schule?

Oft fordern Eltern Schulatteste für ihre Kinder oder Jugendlichen, die über Symptome wie Bauchschmerzen klagen. Dahinter steckt nicht selten ein Schulvermeidungsverhalten – und damit eine erhebliche Entwicklungsgefährdung der Betroffenen. Bei der practica erklärte Lisa Degener, wie Hausärztinnen und Hausärzte reagieren können.

Schulabsentismus: Atteste können schaden, wenn sie dazu führen, dass die zugrunde liegenden Probleme nicht gelöst werden.

Schulabsentismus bzw. schulvermeidendes Verhalten ist ein Oberbegriff für alle Formen des Fehlens in der Schule, das nicht aufgrund somatischer Befunde erfolgt (s. Abb. 1 unten).

Wie Hausärztin Lisa Degener bei der practica betonte, handelt es sich um ein komplexes Phänomen, das anfangs oft zu wenig Aufmerksamkeit erhält, jedoch eine erhebliche Entwicklungsgefährdung der Kinder und Jugendlichen darstellen kann.

Die Gründe für Schulabsentismus sind vielfältig. Laut einer Studie von 2013 spielen meist emotionale Aversion und Motivationsprobleme eine Rolle, gefolgt von Konflikten mit Lehrerinnen und Lehrern und Peer-Einfluss [1]. Lern- und Leistungsprobleme, Gewalt und Mobbing sowie Zurückhalten durch die Eltern sind weniger häufige Ursachen.

Besondere Risikofaktoren bestehen Degener zufolge für Jugendliche mit auffällig häufigem “krankheitsbedingten” Fehlen in der Grundschulzeit, mit Lern- und Verhaltensstörungen sowie mit Problemen im Elternhaus (zum Beispiel psychische Erkrankung der Eltern, Trennung der Eltern im Streit). Hier hätten Hausärztinnen und Hausärzte den Vorteil, dass ihnen die familiäre Situation der Betroffenen oft bekannt ist.

Atteste können schaden

Degener riet ihren Kolleginnen und Kollegen, aufmerksam zu sein und sich bei offenkundig funktionellen körperlichen Beschwerden nach Schulfehlzeiten zu erkundigen. Bei einem Attestwunsch lohne es sich immer, nachzufragen, warum die Schule überhaupt ein Attest verlangt – zum Beispiel wegen häufigem Fehlen? In der Regel bestehe an den Schulen nämlich keine Attestpflicht.

“Es ist wichtig, dass wir nachgucken, wo das Problem liegt”, betonte Degener. Bisher würden sich die Schulen oft nicht so sehr um die Ursachen für die Fehlzeiten kümmern (“Hauptsache, es gibt ein Attest.”). Das Ausstellen von Attesten könne daher auch schaden: “Mit Attesten verhindern wir oft, dass Kinder und Familien das zugrunde liegende Problem lösen.”

In diesem Zusammenhang kann es laut Degener hilfreich sein, die Schule zu kontaktieren; dafür sei eine Schweigepflichtenbindung durch die Eltern nötig. Leider habe sie bisher oft die Erfahrung gemacht, dass die Schulen nicht bereit sind, Kontakt aufzunehmen.

Strategien entwickeln

Bei Beschwerden, für die nach gründlicher somatischer Abklärung keine medizinische Erklärung besteht, sollten keine wiederholten Krankschreibungen erfolgen. “Das Ziel bei funktioneller Symptomatik ist nicht, dass das Symptom sofort verschwindet. Das Ziel ist, damit leben und trotzdem in die Schule gehen zu können”, betonte Degener. Sie empfiehlt, dem Kind gleich zu Beginn zu erklären, was funktionelle Beschwerden sind (“Es kann sein, dass man Schmerzen hat, obwohl kein Organ krank ist”).

Es sei wichtig, darüber zu sprechen, ob und warum das Kind die Schule als schlimm empfindet und gemeinsam Strategien zu entwickeln. Solche Strategien könnten Maßnahmen sein, die gegen die Symptome helfen (zum Beispiel Hinlegen in der Schule ermöglichen, Mamas Tee in Thermoskanne dabeihaben).

Liegt der Grund für den Schulabsentismus in schulischen Konflikten, könne es eine Option sein, die Schule zu wechseln oder die Schule für eine begrenzte Zeit in reduziertem Umfang zu besuchen.

Absprachen treffen

Degener riet außerdem dazu, klare Absprachen über die Bedingungen für eine Attestausstellung zu treffen, ggf. auch mit den Eltern (zum Beispiel nicht erst abends nach dem Fehltag in die Praxis kommen, sondern pünktlich um 8 Uhr morgens, damit man gemeinsam entscheiden kann, ob der Schulbesuch möglich ist).

Bei totaler Schulvermeidung solle ein Attest nur mit Auflagen ausgestellt werden (zum Beispiel bis zur stationären Aufnahme, zumindest reduzierten Schulbesuch anstreben, morgendliches Aufstehen, Beendigung von exzessivem Medienkonsum).

An “kranken” Tagen sollten eine Tagesstruktur erhalten bzw. neu etabliert und Bildschirmmedien verboten werden. Auch sollten die Eltern keine Aktivitäten erlauben, die bei Krankheit nicht möglich sind (zum Beispiel nachmittags Fußball spielen oder mit Freunden treffen).

Wichtig ist laut Degener ein transparenter Austausch zwischen allen Beteiligten. Die Kooperation der Eltern sei entscheidend (“ohne Eltern im Boot geht nichts”). Dasselbe gelte für das Engagement der Schulen, leider sei die Kommunikation zwischen Bildungs- und Gesundheitswesen oft schwierig. “Die mangelnde Kooperation mit den Schulen ist ein Riesenproblem.”

Psychologische Hilfe

“Nicht jeder, der die Schule vermeidet, hat eine psychische Störung. Aber es kommt zu einer, wenn man nichts tut”, so Degener. Es gelte daher eine psychosomatische bzw. psychiatrische Abklärung einzuleiten und eine ambulante Psychotherapie zu empfehlen.

Bei erfolglosen ambulanten Maßnahmen sei eine stationäre Behandlung der nächste Schritt. “Davor schrecken Eltern oft zurück”, erklärte Degener. Gleichzeitig sei dies für die Eltern aber ein wichtiges Signal, dass es so wie bisher nicht weitergehen könne.

Degener regte ihre Kolleginnen und Kollegen abschließend dazu an, zu reflektieren, inwieweit sie durch Krankschreibungen zu Schulvermeidung beitragen. “Viele Ärztinnen und Ärzte begründen Krankschreibungen von Schulverweigerern oder Schulängstlichen mit einer möglichen ‚Entlastung‘ durch weniger Stress durch Schule.”

Die Frage sei aber: Wie wird Umgang mit Belastungen gelernt, wenn keine Belastungen mehr da sind?

Fazit

  • Schulabsentismus bedeutet eine erhebliche Entwicklungsgefährdung der Kinder und Jugendlichen.
  • Atteste können schaden, wenn sie dazu führen, dass die zugrunde liegenden Probleme nicht gelöst werden.
  • Wichtig ist: ein transparenter und dem Alter der Jugendlichen entsprechender Austausch zwischen allen Beteiligten
  • Wichtig ist: Zielorientierung (Strategien entwickeln, um trotz Symptom in die Schule gehen zu können)
  • Wichtig ist: klare Absprachen bzgl. Attestausstellung
  • Wichtig ist: eine empathische Berücksichtigung und Würdigung kritischer Lebensereignisse und biografischer Brüche
  • Die Chronifizierung des schulvermeidenden Verhaltens erfordert eine stationäre Behandlung.

Quelle: Practica-Seminar von Lisa Degener am 16.10.25: “Zu krank für die Schule? Schulvermeidungsverhalten bei Kindern und Jugendlichen”.

Literatur: 1. Ricking H, Dunkake I (2017). Wenn Schüler die Schule schwänzen oder meiden: Förderziele Anwesenheit und Lernen-wollen. Schneider Verlag Hohengehren.

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