© Jürgen Hofstetter Prof. Dr. med. Petra Beschoner
Ärztliche Direktorin, Akutklinik Bad Saulgau
So oder so ähnlich laufen viele Fälle von ADHS bei erwachsenen Frauen ab. Das Problem: Im Erwachsenenalter sind ADHS-Symptome meist schwächer ausgeprägt als bei Kindern und Jugendlichen. Vor allem bei Frauen, aber auch bei Mädchen äußert sich die komplexe neurologische Erkrankung weniger mit der bekannten und charakteristischen Hyperaktivität, die man von Jungen kennt, sondern sie läuft bei ihnen eher versteckt ab, erklärte Prof.
Dr. med. Petra Beschoner, Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin an der Akutklinik Bad Saulgau. Daher bleibt die ADHS bei Frauen oft lange unerkannt oder wird als Depression oder Angststörung fehldiagnostiziert.
Innere Unruhe steht im Vordergrund
Häufige Symptome bei Frauen mit ADHS sind innere Unruhe mit nicht stillstehenden Gedanken, einer gewissen emotionalen Instabilität und einem ausgeprägten emotionalen Erleben.
Während sich emotionale Dysregulationen bei Jungen und Männern oft durch aggressives Verhalten bemerkbar macht, äußert sich impulsives Verhalten bei Frauen dagegen eher in Form von starken Stimmungsschwankungen. Nicht selten werden diese auf hormonelle Schwankungen zurückgeführt, obwohl sie damit nichts zu tun haben.
Serie “Krankheiten unter dem Radar”
Mit der Serie “Gendermedizin – Krankheiten unter dem Radar” sollen Erkrankungen beleuchtet werden, die bei Männern oder Frauen zu wenig beachtet werden. Ziel ist, dass Hausärztin und Hausarzt die jeweiligen “Red Flags” erkennen und Empfehlungen zur Hand haben, bei Diagnose und Therapie richtig vorzugehen.
ADHS wird durch Sozialisierung und Kompensation verschleiert
Da viele Frauen schon als Kind lernen, dass impulsives Verhalten unerwünscht ist, werden sie oft nicht als ADHS-Betroffene wahrgenommen. “Von Mädchen wird immer noch mehr erwartet, dass sie kontrolliert sind, dass sie lieb sind, dass sie keine Wutausbrüche haben und stillsitzen können.
Daher kompensieren sie ihre ADHS-Symptome oft über viele Jahre mit perfektionistischen Tendenzen und mit einem enormen Energieaufwand”, so Prof. Beschoner. Obwohl innerlich Chaos herrscht, ist dies von außen nicht erkennbar. Aus diesem Grund dauert es bei Frauen oft lange, bis die Erkrankung als solche diagnostiziert wird.
Was ist ADHS?
Die charakteristischen Symptome einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Die Erkrankung beginnt im Kindes- und Jugendalter, wird bei Frauen jedoch oft erst im Erwachsenenalter diagnostiziert.
Die Prävalenz wird bei Kindern und Jugendlichen auf etwa 5 Prozent geschätzt. Bei 50–80 Prozent der Erwachsenen, die als Kind ADHS-Symptome hatten, treten diese auch weiterhin auf. Die vollständigen ADHS-Diagnosekriterien sind bei etwa 15 Prozent von ihnen erfüllt.
Ursache einer ADHS sind vermutlich mehrere Faktoren, z.B. die genetische Prädisposition und prä-, peri- und frühe postnatale Umwelteinflüsse, die die strukturelle und funktionelle Hirnentwicklung beeinflussen.
Um die Diagnose ADHS stellen zu können, müssen gleichzeitig mehrere relevante Symptome vorliegen, was mithilfe von Fragebögen und psychometrischen Tests festgestellt werden kann. Entscheidend ist darüber hinaus, dass die Erkrankung nicht erst im Erwachsenenalter begann, sondern bereits in der Kindheit und seither kontinuierlich fortbestand.
Behandelt wird eine ADHS mit denselben Wirkstoffen, die auch bei Kindern eingesetzt werden, z.B. Methylphenidat, sowie Psychoeduktion und kognitiver Verhaltenstherapie, bei der auch Selbstorganisation, Zeitmanagement und der Aufbau einer stabilen Tagesstruktur trainiert werden.
Depressive Symptome sind häufig
Es kostet die Betroffenen viel Energie, ihre Probleme bei der Organisation von Alltag und Arbeit sowie Konzentrationsschwierigkeiten in Schach zu halten. Viele haben ein Gefühl der ständigen Überforderung, fühlen sich “irgendwie falsch” und können die Ansprüche, die sie an sich haben, nicht erfüllen.
All das kann zu Erschöpfung und mangelndem Selbstwertgefühl führen, so dass manche Frauen mit ADHS zunächst wegen vermeintlicher depressiver Symptome eine ärztliche Praxis aufsuchen. Oftmals wird dann eine Depression diagnostiziert, es ist aber keine. ADHS-Betroffene haben klassischerweise keine gedrückte Stimmung.
Das ist der wichtigste Unterschied, so Prof. Beschoner. “Ich bin allen Hausärztinnen und Hausärzten dankbar, wenn sie bei einer erwachsenen Frau, die über einen längeren Zeitraum über depressive Symptome, Energielosigkeit, rasche Erschöpfung und Probleme bei der Organisation des Alltags klagt, an eine mögliche ADHS denken.”
Beginn in der Kindheit entscheidend
Doch nicht jede Frau, die chaotisch ist oder häufig prokrastiniert, ist von einer ADHS betroffen. Vor allem wenn die Patientin bereits mit Antidepressiva behandelt wurde und diese Therapie nicht richtig geholfen hat, dann lohnt es sich nachzufragen, ob sie schon seit der Kindheit mehr Energie als andere Menschen aufwenden musste, um durch den Alltag zu kommen.
Wird die Frage bejaht, dann sollte sie an eine spezialisierte Praxis oder Klinik überwiesen werden. Wichtig ist laut Prof. Beschoner, dass die Patientin jemanden mit Expertise in ADHS aufsucht.
Die Wartezeiten in Spezialambulanzen sind zum Teil lang, dennoch würde es sich angesichts der oft noch langen Lebenserwartung lohnen, auf eine adäquate Behandlung zu warten, riet Prof. Beschoner. Die Patientinnen haben dann noch viele Jahre vor sich, in denen durch eine gute Behandlung eine Symptomlinderung und damit eine deutliche Reduktion der inneren Unruhe und eine Verbesserung von Konzentration und emotionaler Steuerbarkeit erreicht werden kann.
Quellen:
1. Gespräch mit Prof. Dr. med. Petra Beschoner, Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, Ärztliche Direktorin, Akutklinik Bad Saulgau
2. S3-Leitlinie Leitlinie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter , 2018