© Ronald Frommann/Wort & Bild Verlag Baierbrunn Prof. Dr. med. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin, Leiter des Zentrums für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Prof. Dr. med. Stefan Kluge: Die Leitlinie betrifft zwar vor allem den stationären Bereich. Jedoch geht es auch viel um die Früherkennung – ein ganz besonders wichtiges Thema, das auch Hausärztinnen und Hausärzte betrifft. Daten zeigen, dass die Sepsis bei den Erkrankungen, an denen die Menschen in Europa sterben, an dritter bis vierter Stelle steht.
Warum wird eine Sepsis oft so spät erkannt?
Die meisten Menschen denken bei schweren Symptomen eher an einen Schlaganfall oder Herzinfarkt. Im Bewusstsein sowohl der Bevölkerung als auch der Ärztinnen und Ärzte sind diese Erkrankungen viel eher verankert als die Sepsis. Das liegt zum einen daran, dass die Definition der Sepsis (s. Kasten unten) schwer fassbar ist.
Definition der Sepsis nach [1]
Eine Sepsis ist eine akut lebensbedrohliche Organdysfunktion, die durch eine inadäquate Wirtsantwort auf eine Infektion hervorgerufen wird. Für die Diagnose einer Sepsis-assoziierten Organdysfunktion ist laut S3-Leitlinie ein Anstieg des Sequential-Organ-Failure-Assessment (SOFA)-Score um ≥ 2 Punkte zu verwenden.
Zweitens haben Erkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt relativ klare Symptome, während sich eine Sepsis sehr unspezifisch äußert. Früher haben wir uns sehr auf das Fieber konzentriert. Heute wissen wir, dass ein Drittel der Menschen mit Sepsis gar kein Fieber hat, wir sehen sogar immer wieder mal Betroffene mit Hypothermie.
Es gibt also kein Kardinalsymptom, sondern viele unterschiedliche Anzeichen, die auf eine Sepsis hinweisen könnten – etwa beschleunigte Atmung, beschleunigter Herzschlag, Unwohlsein, Wesensveränderung und vieles mehr.
Hausärztinnen und Hausärzte sehen ja täglich viele Menschen mit Infektionen, von denen nur die wenigsten eine Sepsis entwickeln. Wann sollten sie genauer hinsehen?
Eine Sepsis kann jeden treffen, vom Kind bis zum Neunzigjährigen. Kürzlich haben wir zum Beispiel einen jungen Mann mit Sepsis nach Hundebiss behandelt. Der Ursprung der Infektion kann im ganzen Körper liegen – das erklärt auch, warum die Symptome so unterschiedlich sind. Aber natürlich ist das Risiko für einen schweren Verlauf mit steigendem Patientenalter höher.
Ganz besonders daran denken sollten wir also bei älteren Patientinnen und Patienten mit Vorerkrankungen – vor allem wenn sie immungeschwächt sind –, grundsätzlich aber auch bei allen anderen Patientinnen und Patienten mit einer Infektion, wenn sich deren Vitalparameter verschlechtern. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, Patientinnen und Patienten darauf hinzuweisen, dass sie bei einer Verschlechterung wiederkommen sollen – das geschieht in der Praxis in der Regel ja aber ohnehin.
Welche Screening-Tools empfehlen Sie für die hausärztliche Praxis?
Es existieren verschiedene Screening-Tools, die jeweils ihre Vor- und Nachteile haben; es gibt also nicht den “einen” Test wie das EKG beim Herzinfarkt. Beim Einsatz in der hausärztlichen Praxis ist es wichtig, den Aufwand zu berücksichtigen. Es gibt Early-Warning-Scores, für die man sechs Parameter messen muss und die dementsprechend viel Zeit kosten. Auch der SOFA-Score, anhand dessen die für die Sepsis-Definition erforderliche Organdysfunktion quantifiziert wird, ist relativ aufwendig.
Für den Einsatz in der Praxis hat sich der qSOFA-Score bewährt – eine “schnelle Version” des SOFA-Scores. Für den qSOFA-Score muss man nur drei Parameter bestimmen: Blutdruck, Atemfrequenz und Bewusstsein. Das lässt sich schnell erledigen und kann auch an die MFA delegiert werden.
qSOFA-Score
Der qSOFA-Score ist positiv, wenn mindestens zwei der folgenden drei Kriterien zutreffen:
veränderter mentaler Status (Glasgow Coma Score < 15)
systolischer RR ≤ 100 mmHg
Atemfrequenz ≥ 22/min
Wenn man möchte, kann man zusätzlich noch die Sauerstoffsättigung messen. Wenn diese Werte in Ordnung sind, ist eine Sepsis eher unwahrscheinlich. Sind zwei oder mehr Werte auffällig, sollte man die Betroffenen ins Krankenhaus schicken, um eine Sepsis auszuschließen oder nachzuweisen.
Wichtig: Vor allem jüngere Patientinnen und Patienten mit Sepsis wirken oft gar nicht so krank, obwohl ihre Werte bereits sehr schlecht sind – deshalb müssen wir die Parameter immer bestimmen.
Machen Erstmaßnahmen in der hausärztlichen Praxis Sinn?
In der Regel nicht. Wenn die Betroffenen stabil sind, sollten sie so schnell wie möglich ins Krankenhaus. Studien zeigen, dass es keinen Vorteil bringt, bereits in der Praxis oder im Rettungswagen ein Antibiotikum zu verabreichen.
Eine Flüssigkeitsgabe wird diskutiert und kann im Regelfall nicht schaden, meist ist der Rettungsdienst ja aber ohnehin schnell vor Ort. In gewissen ländlichen Gegenden, wo der Rettungswagen sehr lange auf sich warten lässt, macht es eventuell schon eher Sinn, eine Infusion anzuhängen oder vielleicht sogar ein Antibiotikum in der Praxis vorrätig zu haben.
Die wichtigste Botschaft für Hausärztinnen und Hausärzte ist also: Daran denken und im Verdachtsfall die genannten Parameter bestimmen.
Genau. Die Sepsis ist in der Hausarztpraxis zwar selten, kommt aber immer wieder vor und ist potenziell tödlich. Das Erkennen der Sepsis ist eine Gemeinschaftsaufgabe: Sowohl Hausärztinnen und Hausärzte als auch Mitarbeitende im Rettungsdienst und im Krankenhaus sollten aufmerksam sein.
Studien zeigen, dass gerade im Rettungsdienst unglaublich selten an eine Sepsis gedacht wird, obwohl sie eine höhere Sterblichkeit hat als ein Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Bestimmung des qSOFA-Scores kostet nicht viel Zeit, ist aber bereits sehr hilfreich. Dass es in Hinblick auf die Sepsis Nachholbedarf gibt, hat auch der G-BA erkannt: Seit 1. Januar gilt ein Qualitätsverfahren, das Krankenhäuser dazu verpflichtet, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen.
Prof. Stefan Kluge gibt folgende Interessenkonflikte an: Forschungsunterstützung: Biotest, CytoSorbents, Daiichi Sankyo, Fresenius Medical Care. Vortragstätigkeit: ADVITOS, CSL Behring, Fresenius Medical Care, Gilead, MSD, Pfizer, Shionogi. Beratertätigkeit: ADVITOS, Fresenius, Gilead, MSD, Pfizer.
Literatur:
DSG, DGAI, DIVI et al. S3-Leitlinie: Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge – Update 2025. Langfassun g. Version: 4.0, Stand: 30.04.2025. AWMF-Register-Nr.: 079-001.
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