Berlin. Arbovirosen, zu denen Dengue, Chikungunya, Zika, Gelbfieber und das West-Nil-Fieber gehören, haben sich weltweit stark ausgebreitet. „Eigentlich kann man nur noch in sehr wenige Regionen reisen, ohne sich dem Risiko einer Arbovirus-Infektion auszusetzen“, erklärte Dr. Susanne Jordan vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) beim diesjährigen Forum Reisen und Gesundheit.
Ganz vorne dabei ist das Dengue-Fieber: Bei den importierten Infektionskrankheiten habe Dengue mittlerweile die Malaria auf Platz 1 deutlich überholt, so die Reisemedizinerin. „2024 gab es 1.838 importierte Dengue-Fälle und 932 Malaria-Fälle, also etwa halb so viele.“ Oder wie der Reisemediziner Prof. Tomas Jelinek es in seinem Vortrag ausdrückte: „Dengue ist der Gorilla im Raum.“
Daten aus Deutschland zu Qdenga®
Mit Qdenga® steht seit Dezember 2022 ein Dengue-Impfstoff für Reisende zur Verfügung. Bekanntlich empfiehlt die STIKO die Lebend-Vakzine, die ab vier Jahren zugelassen ist, nur für Reisende, die zuvor bereits eine Dengue-Infektion durchgemacht haben. Grund ist das theoretisch mögliche, bisher bei Qdenga® aber nicht nachgewiesene höhere Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf bei Erstinfektion nach Impfung (mehr dazu: www.hausarzt.link/SvAkH).
Grundsätzlich impfen lassen könnten sich laut STIKO aber auch Menschen ohne vorherige Infektion: „Wenn nach ärztlicher Beratung bei Dengue-naiven Personen eine Impfung entsprechend der Zulassung erwogen wird, sollte die Person darüber aufgeklärt werden, dass das Risiko einer Infektionsverstärkung bei nachfolgender Infektion nicht ausgeschlossen werden kann“, schreibt die STIKO dazu [1].
Wie Jelinek, Leiter des Berliner Centrums für Reise- und Tropenmedizin (BCRT) berichtete, liegen Daten aus der mittlerweile siebenjährigen Nachbeobachtungszeit für Qdenga® vor. „Es gibt bisher kein Sicherheitssignal“, betonte er. „Wir haben am BCRT rund 56.000 Dengue-Impfungen durchgeführt und gute Erfahrungen damit gemacht“, so Jelinek, der über die Jahre die Leitung mehrerer klinischer Studien vieler verschiedener Impfstoffhersteller übernommen hat.
Daten aus Deutschland zu Qdenga® hat kürzlich die „TravVacNet“-Studiengruppe veröffentlicht, die rund 1.200 Impflinge zu den Impfreaktionen bis Tag 18 nach erster und zweiter Impfdosis befragt hat [2]. Der Großteil (n=1.036) der Impflinge war immun-naiv, hatte zuvor also keine Dengue-Infektion durchgemacht.
Impfnebenwirkungen wurden vor allem nach der ersten Dosis berichtet: 51 Prozent gaben systemische Reaktionen wie Kopfschmerzen (40 Prozent), Abgeschlagenheit (40 Prozent) und allgemeines Krankheitsgefühl (32 Prozent) an. Auch Fieber trat nach der ersten Dosis häufiger auf als nach der zweiten (20 versus 2 Prozent). Nach der zweiten Dosis waren jedoch lokale Impfreaktionen wie Hautrötungen oder Schmerzen an der Einstichstelle häufiger.
28 Prozent der Teilnehmenden (n=334) erhielt neben der Dengue-Impfung eine weitere Vakzine. Am häufigsten wurde die Tollwut-Vakzine koadministriert, gefolgt von der Impfung gegen Japanische Enzephalitis (JE) und Gelbfieber. Impfnebenwirkungen traten bei 47 Prozent auf, waren also bei Koadministration nicht häufiger als bei Gabe von Qdenga® allein.
Am häufigsten traten Nebenwirkungen bei gleichzeitiger Gabe der JE-Vakzine auf. „Die Daten zeigen, dass Impfnebenwirkungen nach der Gabe von Qdenga® häufig sind, allerdings nur selten schwer ausfallen“, resümiert das Studienteam. „Im Gegensatz zu anderen Studien, in denen bei Koadministration mehr Nebenwirkungen festgestellt wurden, zeigten sich in unserer Studie keine signifikanten Unterschiede.“
Zwei Impfstoffe gegen Chikungunya
Auch gegen das Chikungunya-Virus stehen seit kurzem zwei Impfstoffe zur Verfügung:
- Ixchiq®, ein attenuierter Lebendimpfstoff, ist in der EU seit Juni 2024 für Personen ab 18 Jahren zugelassen. Für die Grundimmunisierung ist eine Impfdosis ausreichend, in den Zulassungsstudien konnten an Tag 28 nach Impfung bei 98,9 Prozent der Geimpften ausreichend hohe Antikörper-Titer festgestellt werden [3]. Jede zweite geimpfte Person gab mindestens eine Impfnebenwirkung an, die meisten waren mild bis moderat. Cave: Aktuell untersucht die US-Behörde CDC fünf Fälle von Personen über 65 Jahre, bei denen nach Impfung kardiologische und neurologische Komplikationen aufgetreten sind [4].
- Vimkunya®, ein Totimpfstoff, der „virus like particles“ (VNP) enthält. Die Vakzine ist ab 12 Jahren zugelassen und wird voraussichtlich in Q2/25 auf den Markt kommen. Laut Jelinek ist der Impfstoff, der ebenfalls als single shot verabreicht wird, gut verträglich mit Nebenwirkungen auf Placeboniveau.
Zu den neuen Chikungunya-Impfstoffen soll es zeitnah eine STIKO-Empfehlung geben. Die Impfstoffe haben große Relevanz für die Reisemedizin, wie Daten aus dem vergangenen Jahr zeigen: 2024 gab es weltweit 620.000 Fälle von Chikungunya-Fieber mit 216 Todesfällen, wobei ein Großteil auf Brasilien entfiel, berichtete Dr. Susanne Jordan. Das Ausbruchgeschehen in Südamerika habe sich auch 2025 fortgesetzt, mittlerweile gebe es zudem einen größeren Chikungunya-Ausbruch im französischen Überseegebiet La Réunion mit fast 2.000 Fällen.
La Réunion war bereits 2005/2006 von einem großen Chikungunya-Ausbruch betroffen. Damals infizierten sich rund 300.000 Menschen, etwa ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Erstmals seien damals auch schwere Verläufe mit Enzephalitiden und fulminanten Hepatitiden beschrieben worden, zudem habe es Berichte von vertikalen Virustransmissionen und schweren neonatalen Infektionen gegeben, berichtete Jordan. „50 Prozent der Betroffenen litten an langanhaltenden Arthralgien, vor allem ältere Personen.“
Neue 21-valente Pneumokokken-Vakzine
Neu zugelassen ist auch der 21-valente Pneumokokken-Konjugat-Impfstoff Capvaxive®, berichtete Jelinek. Mit der neuen Vakzine könne das Serotypen-Replacement aufgefangen werden, dass durch die derzeit verwendeten Impfstoffe stattfinde. „Durch die aktuellen Impfstoffe verschwinden die jeweiligen Serotypen, gegen die die Impfung gerichtet ist. Das lässt sich seit einigen Jahren beobachten und wird auch bei der 20-valenten Impfung Apexxnar®/Prevenar®20 stattfinden, die seit 2022 zugelassen ist.“
Entscheidend sei, wann auf die 21-valente Vakzine umgestellt werde, betonte Jelinek. „Leider wird die nationale Überwachung der Pneumokokken-Serotypen seit diesem Jahr nicht mehr unterstützt, sodass wir künftig nicht mehr wissen werden, welche Serotypen zirkulieren.“
Wenn man sinnvoll weiterimpfen wolle, müsse man aber irgendwann auf den neuen Impfstoff wechseln. „Das ist ein dynamisches Feld, in dem man die Impfstoffe entsprechend anpassen muss.“
Penbraya®: EU-Zulassung zurückgezogen
Die EU-Zulassung für den MenACWYB-Impfstoff Penbraya®, der Ende 2023 in den USA zugelassen worden ist, ist vom Hersteller zurückgezogen worden. „Grund ist, dass der Hersteller Pfizer sich auf den US-amerikanischen Markt konzentrieren will“, erklärte der Reisemediziner. „Ob das angesichts der derzeitigen US-Regierung Sinn macht, sei dahingestellt.“
Literatur:
- FAQ des RKI zu Qdenga®: www.hausarzt.link/UFYkK
- doi 1093/jtm/taaf004
- doi 1016/S0140-6736(23)00641-4
- Mitteilung der CDC vom 3. März: www.hausarzt.link/SgAkz