Bei Gesunden führt eine höhere Proteinzufuhr zu einer glomerulären Hyperfiltration. Diese gilt nach heutigem Kenntnisstand überwiegend als physiologische Anpassung und nicht als Ausdruck eines Nierenschadens. Systematische Reviews und Meta-Analysen fanden keine überzeugenden Hinweise darauf, dass proteinreiche Kost bei nierengesunden Erwachsenen zu einer klinisch relevanten Verschlechterung der Nierenfunktion führt [1-3]. Allerdings sind Langzeitdaten über viele Jahre oder Jahrzehnte weiterhin begrenzt, sodass Unsicherheiten bleiben [4, 5].
Bei gesunden Erwachsenen erscheint eine Zufuhr von etwa 0,8 bis 1,6 g/kg/Tag in der Regel unproblematisch; sehr hohe Zufuhrmengen über längere Zeit sollten jedoch vermieden werden [5, 6].
Anders ist die Situation bei Patienten mit chronischer Nierenerkrankung, Diabetes mellitus, arterieller Hypertonie oder Adipositas. In diesen Gruppen kann eine hohe Proteinzufuhr die glomeruläre Belastung erhöhen und möglicherweise die Progression einer Nierenerkrankung beschleunigen. Auch Menschen unter Therapie mit nephrotoxischen Substanzen (NSAR, Lithium, bestimmte Antibiotika) sind als Risikopatienten zu betrachten.
Die KDIGO-Leitlinien empfehlen für Erwachsene mit CKD eine Proteinzufuhr von etwa 0,8 g/kg Körpergewicht pro Tag und raten von einer dauerhaften Zufuhr >1,3 g/kg KG/Tag ab (s. Kasten) [7].
Auch die Standards der American Diabetes Association betonen, dass eine erhöhte Proteinzufuhr bei gefährdeten Patienten mit Albuminurie, rascherem Funktionsverlust und erhöhter kardiovaskulärer Mortalität assoziiert sein kann [8].
Denn auch mögliche kardiovaskuläre Risiken einer sehr hohen Proteinzufuhr werden diskutiert: Neuere Daten weisen darauf hin, dass insbesondere verzweigtkettige Aminosäuren wie Leucin entzündliche Signalwege aktivieren könnten, die atherosklerotische Prozesse begünstigen [9, 10]. Die klinische Evidenz hierzu ist jedoch noch nicht abschließend [11].
Fleisch oder Gemüse? Proteinquelle spielt eine Rolle
Neben der Proteinmenge spielt auch die Proteinquelle eine wichtige Rolle. Beobachtungsstudien zeigen konsistent, dass pflanzliche Proteine mit einem geringeren Risiko für chronische Nierenerkrankungen und günstigeren kardiometabolischen Endpunkten assoziiert sind als tierische Proteine [12, 13]. Besonders rotes und verarbeitetes Fleisch scheint ungünstig (s. dazu auch Praxistipp).
Als mögliche Mechanismen werden eine geringere Säurelast, niedrigere Albuminexkretion und günstigere Effekte auf die renale Hämodynamik diskutiert [4, 7]. Randomisierte Langzeitstudien zum direkten Vergleich pflanzlicher und tierischer Proteine fehlen jedoch weitgehend.
Ein weiterer praxisrelevanter Aspekt ist die Qualität von Proteinpräparaten. Mehrere Untersuchungen dokumentieren Kontaminationen von Proteinpulvern mit Schwermetallen wie Blei, Cadmium oder Arsen [14-16]. Pflanzliche Produkte können dabei paradoxerweise höher belastet sein als Molkenproteinprodukte.
Dieses Risiko ist unabhängig von der eigentlichen Proteinzufuhr und sollte in der Beratung berücksichtigt werden. Empfehlenswert sind möglichst zertifizierte Produkte mit unabhängiger Qualitätskontrolle (Third-Party-Zertifizierung: NSF Certified for Sport, Informed-Choice).
Gesamtproteinzufuhr wird häufig unterschätzt
Wichtig für die hausärztliche Praxis ist, dass Proteinshakes häufig zusätzlich zur normalen Ernährung konsumiert werden. Patienten unterschätzen daher ihre tatsächliche Gesamtproteinzufuhr oft erheblich. Entscheidend ist nicht nur der Shake selbst, sondern die Summe aus Nahrung und Supplementen.
Für den Muskelaufbau gilt: Ein Nutzen erhöhter Proteinzufuhr ist vor allem in Kombination mit Krafttraining belegt. Ohne Trainingsreiz sind die Effekte auf Muskelmasse und Kraft gering [17-19]. Proteinshakes sollten daher nicht isoliert als Gesundheitsmaßnahme empfohlen werden.
Fazit
Für die Praxis ergibt sich ein strukturierter Beratungsansatz: Erfassung der Gesamtproteinzufuhr, Prüfung von Risikofaktoren, Kontrolle von Kreatinin, eGFR und Urin-Albumin bei gefährdeten Patienten (s. Tab.1), Bevorzugung pflanzlicher Proteinquellen sowie Auswahl qualitätsgesicherter Produkte [5, 7].
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