Viele Medikamente, viele Diskrepanzen
Eine clusterrandomisierte Studie in den Niederlanden (Polypharmacy Intervention Limburg (PIL) study) untersuchte einen umfassenden Medikationsreview bei älteren Menschen mit Polypharmazie. An der Studie nahmen 751 Patientinnen und Patienten aus 24 hausärztlichen Praxen und 17 dazugehörige Apotheken teil.
Bei einem Hausbesuch wurde versucht, die Medikation entsprechend der Angaben der Patientinnen und Patienten möglichst umfassend zu erheben. Anschließend untersuchten die Forschenden, inwieweit die Angaben der Patientinnen und Patienten mit den Angaben übereinstimmten, die in der Arztpraxis bzw. Apotheke erfasst waren.
Die Patientinnen und Patienten nahmen im Durchschnitt acht Medikamente ein. Bei 71,9 Prozent der Teilnehmenden bestanden Diskrepanzen, meist in dem Sinne, dass eine Medikation nur durch sie angegeben wurde und nicht in der Praxis oder Apotheke bekannt war.
Indikationsbezogen waren Diskrepanzen bei kardiovaskulären Medikamenten am häufigsten, diese Medikamente stellten auch insgesamt die häufigste Medikamentengruppe dar. Bedarfsmedikamente waren besonders oft nur den Patientinnen und Patienten bekannt. Medikamente, die transdermal angewendet wurden, waren besonders oft von diskrepanten Angaben betroffen.
Auf Medikamentenebene gab es zu 22 Prozent aller Medikamente diskrepante Angaben. Für jedes zusätzlich verordnete Medikament stieg die Wahrscheinlichkeit von Diskrepanzen an. Bei Pflegeheimbewohnenden stimmten die Angaben etwas häufiger überein. Die Autorinnen und Autoren ergänzen in der Diskussion, dass auch in vergleichbaren Studien in Schweden und Norwegen ähnliche Häufigkeiten gefunden wurden.
Fazit: In dieser Studie waren in den Niederlanden die Angaben zu Medikamenten von Patientinnen und Patienten und die erfassten Medikamente in der hausärztlichen Praxis trotz eines Primärversorgungssystems sehr oft diskrepant. Es ist davon auszugehen, dass diese Raten in Deutschland durchaus noch höher sein könnten. Neben häufigen Medikationsreviews ist eine kritische Verordnung möglichst weniger Medikamente wohl am ehesten hilfreich.
Quelle: doi:10.1186/s12875-026-03332-3
Leitlinien zu Ohrenschmalz
Die WHO betrachtet die Ohren- und Hörgesundheit als relevanten Teil der Basis-Gesundheitsversorgung und hat daher in einem Leitlinien-Review Evidenz zur Versorgung von Personen mit Cerumen obturans zusammengefasst. Fünf bis 30 Prozent der weltweiten Bevölkerung sind von Cerumen obturans betroffen.
Neben Hörminderung kann dies Tinnitus, Schmerzen, Entzündungen und Juckreiz verursachen, außerdem wird die otoskopische Untersuchung des Trommelfells beeinträchtigt.
Eine systematische Literatursuche identifizierte nur zwei klinische Leitlinien mit einer ausreichenden methodischen Qualität: die Leitlinien des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) sowie der American Academy of Otolaryngology – Head and Neck Surgery (AAO-HNS).
Beide Leitlinien raten davon ab, den Gehörgang selbst zu reinigen, die amerikanische Leitlinie empfiehlt als präventive Maßnahme das Reinigen von Hörgeräten, die prophylaktische Nutzung von cerumenlösenden Ohrentropfen und die prophylaktische ärztliche Gehörgangsreinigung – allerdings ohne dass es dazu Evidenz gibt.
Beide Leitlinien empfehlen die Entfernung von Cerumen; die amerikanische Leitlinie erlaubt, bei asymptomatischen Personen, die keine vollständige Verlegung des Gehörgangs haben, auf eine Behandlung zu verzichten.
Beide Leitlinien weisen auf eine Vorbehandlung mit Cerumenolytika hin, die NICE-Leitlinie empfiehlt konkret die Nutzung bis zu fünf Tage lang vor der Entfernung.Beide Leitlinien empfehlen eine Ohrspülung, die amerikanische Leitlinie alternativ eine manuelle Spülung mit körperwarmem Wasser oder eine elektronische Spülung mit entsprechenden Geräten.
Die NICE-Leitlinie rät explizit von einer manuellen Spülung wegen der Gefahr der Trommelfellverletzung ab, erläutert allerdings, dass diese eher nur bei den früher üblichen großen metallenen Spritzen zu erwarten sei. Im Falle einer erfolgslosen Spülung empfehlen beide Leitlinien eine HNO-ärztliche Entfernung mit entsprechendem Instrumentarium. Beide Leitlinien empfehlen, die vollständige Entfernung otoskopisch zu kontrollieren. Die amerikanische Leitlinie rät zudem explizit von Ohrenkerzen ab.
Fazit: Für dieses sehr häufige Beschwerdebild konnten weltweit nur zwei qualitativ akzeptable Leitlinien identifiziert werden, die noch dazu zum Teil unterschiedliche Empfehlungen zum klinischen Umgang geben. Während beide Leitlinien eine Vorbehandlung mit ohrenschmalzlösenden Tropfen vorsehen, rät die NICE-Leitlinie von einer manuellen Spülung ab, ohne dies aber evidenzbasiert schlüssig zu begründen.
Quelle: doi 10.1186/s12875-026-03325-2
Best of Leitlinien: Gut kommunizieren
Was ist Ihre Lieblingsleitlinie? Und warum?
Die S1-Handlungsempfehlung “Das anamnestische Erstgespräch in der hausärztlichen Praxis – Module der Gesprächsführung mit einer/m bisher unbekannten Patientin oder Patienten” bringt auf den Punkt, was – nicht nur im Erstgespräch – wichtig in der Kommunikation mit Patientinnen und Patienten ist: aktiv zuhören, reflektieren, zusammenfassen, offen nachfragen, verbindlich abschließen – und dokumentieren. Das habe ich mal im ersten Semester gelernt – und wieder vergessen. Umso wichtiger, dass es hier kurz und knapp dargestellt wird. Am allermeisten helfen mir die Formulierungsvorschläge.
