Man sieht, riecht und schmeckt sie nicht. Umso brisanter, denn sie sind allgegenwärtig und bergen eine Menge an gesundheitlichem Sprengstoff: Endokrine Disruptoren, kurz EDs. Sie greifen in das sensible Gefüge des Hormonsystems ein und verändern dessen Funktionen – mit schädlichen Auswirkungen für den Organismus.
EDs finden sich überall: Etwa in Plastik, Kosmetika und Körperpflegemitteln, Möbeln, Spielzeug, belasteter Nahrung und Trinkwasser. “Unsere Umwelt ist regelrecht durchtränkt mit diesen Schadstoffen”, warnt Prof. Dr. Josef Köhrle, Institut für Experimentelle Endokrinologie der Berliner Charité-Universitätsmedizin.
Die gesundheitlichen Gefahren dieser hormonaktiven Substanzen haben Endokrinologen nicht erst gestern erkannt. Sie warnen vielmehr seit vielen Jahren davor. Die European Society of Endocrinology (ESE), der auch Prof. Köhrle angehört, tat dies erst kürzlich wieder [1].
EDs greifen die Gesundheit an
Bereits im Mutterleib, und dort besonders, können EDs massive Schädigungen verursachen. Denn in der mütterlichen Plazenta und in fettreichen Geweben des Fötus reichern sich einige dieser Stoffe in hohen Konzentrationen an. Entsprechend, so Prof. Köhrle, “baden ungeborene Kinder förmlich in einem Mix aus Schadstoffen”.
Besorgniserregend ist das vor allem deshalb, da EDs das System der Schilddrüsenhormone beeinflussen. Damit kann es zu ernsthaften Entwicklungsproblemen, allen voran des Gehirns kommen [3].
So haben Kinder von Müttern mit hoher Belastung durch endokrine Disruptoren während der Schwangerschaft ein dreifach höheres Risiko für einen verzögerten Spracherwerb [4].
Indem EDs sich bereits in niedrigen Konzentrationen störend auf das Immunsystem auswirken, erhöhen sie offensichtlich auch das Risiko für Autoimmunerkrankungen wie Morbus Hashimoto. Das Gleiche gilt für Tumore der Schilddrüse [5] und bei jungen Männern für Hodenkrebs [6].
Einige der hormonaktiven Substanzen, die sogenannten Obesogene, steigern zudem die Neigung zu Übergewicht: Durch sie nimmt die Anzahl der Fettzellen auf Kosten von Muskeln und Bindegewebe ab. Insofern fördern sie die Entwicklung von Adipositas und Typ-2-Diabetes.
Jodmangel verschärft die Gefahr
Der in Deutschland und weltweit verbreitete Jodmangel macht die zunehmende Belastung mit verschiedenen EDs noch problematischer: “Dies verstärkt das Risiko zusätzlich zur ohnehin schon gefährdeten Entwicklung und regulären Reifung des Gehirns eklatant”. Denn wie der Hormonexperte betont, können EDs die Synthese, den Transport und die Wirkung von Schilddrüsenhormonen beeinträchtigen.
Ursache des Jodmangels ist unter anderem, dass in der EU nur noch dreißig Prozent des Salzes für die Lebensmittelproduktion das Spurenelement enthält.
Ernst nehmen und handeln
Angesichts der Gefahren, die von EDs ausgehen, fordert die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) umgehende Maßnahmen. Zum einen muss die ED-Belastung durch strengere Regulierungen bei deren Produktion und Vertrieb reduziert werden. “Die Herstellung und Nutzung der gefährlichsten zehn bis fünfzehn hormonaktiven Substanzen ist per Verbot zu stoppen”, so Prof. Köhrle.
Zum anderen sind künftig neue chemische Substanzen exakter auf ihre Unbedenklichkeit zu überprüfen, bevor sie in großem Maßstab produziert und auf den Markt gebracht werden dürfen. “Insbesondere ist es nicht sinnvoll, bekannte endokrine Disruptoren durch verwandte, aber noch wenig untersuchte Verbindungen zu ersetzen”, gibt der Endokrinologe von der Charité zu bedenken.
Darüber hinaus ist es dringend erforderlich, die Jodversorgung zu verbessern. Besonders essenziell ist dies laut Prof. Köhrle bei Frauen mit Kinderwunsch, werdenden und stillenden Müttern sowie Kindern und Jugendlichen.
Eigeninitiative ergreifen
Prof. Köhrle plädiert zudem für Aktivität seitens der Verbraucher. Denn zum Schutz seiner hormonellen Gesundheit kann nach seinen Worten auch jeder selbst ein gutes Stück weit beitragen: “Rund die Hälfte der aktuellen Belastung mit EDs kann auf das individuelle Konsumverhalten zurückgeführt werden”. Konkret bedeutet das, Plastik wo nur irgend möglich zu reduzieren. Das gilt besonders für weiches Plastik, da dieses am meisten EDs enthält.
Entsprechend sollte versucht werden, von Plastikverpackungen auf Verpackungen aus Glas oder Edelstahl umzusteigen. Bei der Ernährung rät Prof. Köhrle industrielle Fertigprodukte zu meiden und zu frischen wenig verarbeiteten Nahrungsmitteln zu greifen, die umweltschonend produziert wurden. Hilfreich kann zudem die ToxFox-App des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland sein: “Damit können Alltagsprodukte beim Einkauf auf Schadstoffe wie EDs gescannt werden”.