Magdeburg. Resigniert klebt die Ärztin das Schild an ihre Praxistür. „Praxis wegen Personalmangel vorübergehend geschlossen.“ Die Anfeindungen seien zu extrem geworden, ihr Personal möchte sich dieser Gefahr nicht mehr aussetzen, erklärt die Gynäkologin zwei ratsuchenden Frauen bedauernd. Eine von ihnen war aus Polen nach Magdeburg angereist, um hier einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen – weil in ihrer Heimat eines der strengsten Abtreibungsgesetze Europas gilt, der Abbruch ist hier seit 2020 nur noch in Ausnahmefällen legal. Auch vor der Praxis der Gynäkologin, die offen damit umgeht, Frauen in dieser Notsituation zu unterstützen, demonstrieren in diesem Moment selbsternannte „Lebensschützer“.
Auch wenn die Drohmails mit wüsten Anfeindungen im „Polizeiruf“ letztlich ein persönliches Motiv haben – der Sonntagskrimi vom 8. März wirft damit ein bedeutendes Schlaglicht auf eine gesellschaftliche Debatte und drohende Versorgungslücken, die auch das Forum Hausärztinnen im Hausärztinnen- und Hausärzteverband seit Langem kritisiert. „Frauen, die sich in einer solchen Notsituation befinden, müssen flächendeckend Zugang zu medizinischer Versorgung erhalten“, betont Dr. Nadja Jesswein, Sprecherin des Forums.
Entkriminalisierung als ersten Schritt
Schwangerschaftsabbrüche zu entkriminalisieren, sei dafür der erste essenzielle Schritt, erinnert sie. So hat sich auch die Delegiertenversammlung des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes im Mai 2025 – nach ebenso lautenden Beschlüssen in 2023 und 2024 – wiederholt dafür ausgesprochen, Abbrüche gesetzlich außerhalb des Strafgesetzbuches neu zu regeln. Der 129. Deutsche Ärztetag hatte sich daraufhin nach emotionaler Debatte entsprechend positioniert.
Sie beobachtet, dass es flächendeckend immer weniger Anlaufstellen für Frauen in Not gebe, vor allem in den Flächenländern werde das sichtbar. „Es gibt Regionen, da bekommen Patientinnen nicht mal einen Termin zur Schwangerschaftsvorsorge. Das sind Hürden, die dazu führen, dass Fristen für einen Abbruch schlichtweg verstreichen.“ Hausärztinnen und Hausärzte darin zu bestärken und den entsprechenden Rechtsrahmen sicherzustellen, dass medikamentöse Abbrüche durchgeführt werden dürfen, sei deswegen ein sinnvoller Schritt.
Dr. Margit Kollmer ist deutschlandweit eine der ganz wenigen Hausärztinnen, die dies bereits seit Jahren tut. Die – fiktionalen – Anfeindungen gegen das Praxisteam von Dr. Schöller-Hahnfeld (Jenny Schily) im „Polizeiruf“ kennt auch sie.
Deutliches Zeichen am Weltfrauentag
Dass der Polizeiruf damit ein deutliches Zeichen am Weltfrauentag gesetzt hat – die gesellschaftliche Debatte nimmt in der Folge „Your Body, my Choice“ deutlich mehr Raum ein als die Handlung des Krimis -, ist aus Sicht vieler Frauen richtig, zeigen auch zahlreiche Kommentare in TV-Kritik-Portalen am Montag (9. März). Auch Kommissarin Doreen Brasch öffnet sich überraschend und spricht darüber, dass auch sie eine Abtreibung überlegt habe – sich dann jedoch dagegen entschieden habe und bis heute mit ihrer Mutterrolle hadere.
Im Vordergrund des „Polizeirufs“ von Autorin Annika Tepelmann stehen damit die Schicksale unterschiedlicher Frauen, die in in einer besonders vulnerablen Lebenssituation zwischen verhärtete Fronten geraten, in der sie doch eigentlich von Empathie und Verständnis begleitet werden sollten – ohne allzu sehr in abstruse persönliche Verstrickungen abzurutschen, wie dies bei manchen Kommissarenteams regelmäßig der Fall ist.
„Es geht um die Selbstbestimmung der Frau, die wir wahren müssen“, unterstrich Kollmer bereits in der Vergangenheit gegenüber der Redaktion von „Hausärztliche Praxis“ (s. Link zum Interview). „Gerade im Umgang mit Lebensanfang und Lebensende, mit Hilfsbedürftigen sowie in Konfliktsituationen zeigt sich, wie eine Gesellschaft tickt.“
