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MedizingeschichteDie unerzählte Geschichte

Alice Ball entwickelte das erste wirksame Mittel gegen Lepra. Rosalind Franklin trug wesentlich dazu bei, die Struktur der DNA zu entschlüsseln. Marthe Gautier verdanken wir die Entdeckung der Trisomie 21. In ihrem Buch zeigt Vera Weidenbach, welchen Anteil Frauen an unserer modernen Welt haben – und warum so viele von ihnen in Vergessenheit geraten sind.

Alice Augusta Ball war eine US-amerikanische Chemikerin. Sie entdeckte das erste wirksame Verfahren, um Lepra zu behandeln.

Geschichtsschreibung ist politisch. Das betont Vera Weidenbach in ihrem Buch “Die unerzählte Geschichte”. Denn Geschichte wird, so Weidenbach, von der herrschenden Klasse mit dem Interesse erzählt, die eigene Macht zu sichern.

Laut Weidenbach ist unser kulturelles Gedächtnis ein Männergedächtnis im doppelten Sinn: Zum einen, weil es überwiegend an Männer erinnert. Zum anderen, weil Männer die Kategorien festgelegt haben, nach denen darin Anerkennung zugesprochen wird. Nun hat Weidenbach über die Moderne in Europa und den USA geschrieben.

Dabei erzählt sie die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel – mit dem Fokus auf Frauen, die in verschiedenen Disziplinen wie Kunst, Literatur und auch in der Medizin dazu beigetragen haben, unsere heutige Welt zu erschaffen.

Was bestimmt das Geschlecht?

Eine der Frauen ist Nettie Stevens. Anfang des 20. Jahrhunderts forschte sie am biologischen Institut des Bryn Mawr College in Pennsylvania an Mehlwürmern. Sie versuchte herauszufinden, warum diese ein weibliches oder ein männliches Geschlecht entwickeln.

Auch der Institutsleiter Edmund Beecher Wilson beschäftigte sich mit der Geschlechtsbestimmung; er ging davon aus, dass äußere Einflüsse für das Geschlecht entscheidend seien. 1905 beschrieb Stevens die chromosomengebundene Vererbung des Geschlechts in einem Paper. Um ihre Theorie zu überprüfen, experimentierte sie an der Fruchtfliege “Drosophila melanogaster”, womit sie diese als wichtiges Versuchstier in die genetische Forschung einführte. Wilson las Stevens‘ Paper, denn er war Mitglied im Ausschuss des Instituts, der die Texte prüfte und über die Veröffentlichung entschied.

Die Geschichtsschreibung ging später davon aus, dass Wilson und Stevens zur ungefähr gleichen Zeit zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Die 1912 an Brustkrebs verstorbene Stevens wurde – wenn überhaupt – nur als Mitarbeiterin von Wilson genannt. Bisweilen wurde die Entdeckung der Geschlechtschromosomen auch Wilsons Nachfolger Thomas Hunt Morgan zugeschrieben. Dieser hatte Stevens‘ Theorie, dass nur die Chromosomen für das menschliche Geschlecht entscheidend sind, auch nach der Veröffentlichung ihrer Erkenntnisse noch lange abgelehnt.

Die Ursache des Down-Syndroms

Ein weiteres Beispiel aus Weidenbachs Buch: Die Kinderärztin Marthe Gautier. 1956 kehrte sie nach Paris zurück, nachdem sie ein Forschungsstipendium in Harvard absolviert hatte. Ihr neuer Chef Raymond Turpin forschte am Down-Syndrom. Er vermutete, dass dieses auf eine Veränderung der Chromosomen zurückzuführen sei; hatte es aber noch nicht geschafft, das zu beweisen.

Gautier hatte in Boston mit Zellkulturen gearbeitet und bot an, ein Labor dafür aufzubauen; für das Equipment nahm sie selbst einen Kredit auf. Über Monate arbeitete sie ununterbrochen: Sie stellte zunächst Kontrollproben her und präparierte dann Proben von Menschen mit Down-Syndrom. Sie zählte 47 Chromosomen, konnte mit ihrer schlechten Ausstattung allerdings nicht identifizieren, wie genau das 47. Chromosom aussah. Daher nahm sie das Angebot von Turpins Protegé Jérôme Lejeune an, die Platten mit ihren Proben in ein Labor zu bringen, um sie für sie fotografieren zu lassen.

1958 präsentierte Lejeune auf der International Human Genetics Conference in Montreal die neuesten Ergebnisse zur Ursache des Down-Syndroms: Es wird durch ein zusätzliches Chromosom ausgelöst. Für den Vortrag nutzte er die Fotos von Gautiers Präparaten. Auch bezog er sich auf Daten aus ihrem Labor, die er – so Gautier – ohne ihr Wissen an sich genommen hatte. Seitdem wird die Entdeckung der Ursache des Down-Syndroms mit seinem Namen verknüpft. Laut Lejeune hat Gautier ihm lediglich assistiert – bis heute steht hier Aussage gegen Aussage.

Ein Heimschwangerschaftstest

Eine andere Geschichte beginnt im Jahr 1967: Margaret Crane war damals 26 Jahre alt und arbeitete als Grafikdesignerin bei der Firma Organon Pharmaceuticals in New Jersey. Sie sollte den Look für eine neue Kosmetikreihe entwerfen. Im Labor, das die Kosmetika herstellte, wurden auch Urin-Schwangerschaftstests für Arztpraxen durchgeführt. Crane überlegte, ob man diese Tests nicht einfach selbst machen könne, ohne deswegen zum Arzt zu müssen.

Sie baute einen Prototyp und stellte ihn den Chefs der Firma vor; diese lehnten ihre Idee ab. Später erfuhr Crane von einem Kollegen, dass ihr Produkt einer Mutterfirma in den Niederlanden vorgeschlagen worden war. 1971 meldete Organon zwei Patente für den Heimschwangerschaftstest nach Cranes Design an. Sie wurde als Erfinderin geführt, musste aber alle Rechte an das Unternehmen abgeben – für einen symbolischen Dollar.

Drei Muster der Unterdrückung

“Es gibt noch so viel mehr Geschichten, die man erzählen könnte und die bisher nicht erzählt wurden”, schreibt Weidenbach. “Aber es geht mir nicht darum, nur großartige Biografien nachzuzeichnen, sondern sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Denn so, wie wir die Strukturen hinter rechtsextremen Straftaten nicht sehen, wenn wir immer nur von Einzelfällen sprechen, sehen wir strukturelle Unterdrückung nicht, solange wir die Leben von vergessenen Frauen nur einzeln herausheben.”

Weidenbach nennt drei Muster, nach denen die systematische Unterdrückung von Frauen in der Geschichtsschreibung funktioniert. “Rekategorisierung” findet sich oft in den Biografien von Naturwissenschaftlerinnen: Hier nutzen Männer ihre Machtposition explizit aus, um die Arbeit von Frauen für ihren eigenen Erfolg zu nutzen – in dem Wissen, so Weidenbach, dass das System hinter ihnen steht.

Als Ergebnis bekommen Frauen eigene Kategorien: Sie werden zu Mitarbeiterinnen, Ehefrauen oder Musen. Ein Beispiel ist neben Nettie Stevens und Marthe Gautier auch Rosalind Franklin: Während James Watson und Francis Crick den Nobelpreis für die Entschlüsselung der DNA erhielten, erfuhr die Öffentlichkeit lange nicht, welche Rolle ihre Arbeit gespielt hat.

Oder Alice Ball: 1915 entdeckte die 23-jährige Chemikerin auf Hawaii das erste wirksame Verfahren, um Lepra zu behandeln. Arthur Dean, der Präsident der Universität Hawaii, benannte ihre Methode nach sich selbst.

Ein weiteres Muster bezeichnet Weidenbach als das “Verschwindenlassen”: Diese Frauen waren zwar zu Lebzeiten berühmt, wurden im Nachhinein aber übergangen und kleingeredet, etwa die Physikerin Lise Meitner, die Bildhauerin Camille Claudel oder die Schriftstellerin Bertha von Suttner.

Die “Zweiklassengeschichte” schließlich erinnert sich an Frauen nicht wirklich wegen ihrer Leistungen, sondern weil sie die “Ersten ihrer Art” waren (etwa die “ersten Professorinnen”), was für die Rezeption laut Weidenbach einen großen Unterschied macht.

Geschichte hinterfragen

“Wir lernen Geschichte als Wahrheiten”, schreibt Weidenbach. ” […] Wir lernen sie nicht wie in anderen Wissenschaften als Thesen, die auch falsch sein können. Wir lernen sie nicht als Erzählungen von Menschen, die verschiedene Quellen auswerten und sich dann für eine Deutung, eine Einordnung entscheiden, die immer auch in ihr eigenes Weltbild, ihren Deutungshorizont, passen muss.”

Und weil Geschichte nicht neutral sei, könnten wir sie nicht einfach hinnehmen. Nicht nur die Unterdrückung der Frauen zeige sich in der Geschichte; auch der Kolonialismus habe Geschichte und damit Kultur ausgelöscht. Weidenbach ruft uns dazu auf, immer wieder zu fragen: Welche Geschichten werden nicht erzählt – und warum nicht?

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