© mauritius images / Science Source Die Genetikerin Nettie Maria Stevens (1861- 1912) erkannte als Erste, dass X- und Y-Chromosomen das Geschlecht bestimmen.
Die Geschichtsschreibung ging später davon aus, dass Wilson und Stevens zur ungefähr gleichen Zeit zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Die 1912 an Brustkrebs verstorbene Stevens wurde – wenn überhaupt – nur als Mitarbeiterin von Wilson genannt. Bisweilen wurde die Entdeckung der Geschlechtschromosomen auch Wilsons Nachfolger Thomas Hunt Morgan zugeschrieben. Dieser hatte Stevens‘ Theorie, dass nur die Chromosomen für das menschliche Geschlecht entscheidend sind, auch nach der Veröffentlichung ihrer Erkenntnisse noch lange abgelehnt.
Die Ursache des Down-Syndroms
Ein weiteres Beispiel aus Weidenbachs Buch: Die Kinderärztin Marthe Gautier. 1956 kehrte sie nach Paris zurück, nachdem sie ein Forschungsstipendium in Harvard absolviert hatte. Ihr neuer Chef Raymond Turpin forschte am Down-Syndrom. Er vermutete, dass dieses auf eine Veränderung der Chromosomen zurückzuführen sei; hatte es aber noch nicht geschafft, das zu beweisen.
Gautier hatte in Boston mit Zellkulturen gearbeitet und bot an, ein Labor dafür aufzubauen; für das Equipment nahm sie selbst einen Kredit auf. Über Monate arbeitete sie ununterbrochen: Sie stellte zunächst Kontrollproben her und präparierte dann Proben von Menschen mit Down-Syndrom. Sie zählte 47 Chromosomen, konnte mit ihrer schlechten Ausstattung allerdings nicht identifizieren, wie genau das 47. Chromosom aussah. Daher nahm sie das Angebot von Turpins Protegé Jérôme Lejeune an, die Platten mit ihren Proben in ein Labor zu bringen, um sie für sie fotografieren zu lassen.
1958 präsentierte Lejeune auf der International Human Genetics Conference in Montreal die neuesten Ergebnisse zur Ursache des Down-Syndroms: Es wird durch ein zusätzliches Chromosom ausgelöst. Für den Vortrag nutzte er die Fotos von Gautiers Präparaten. Auch bezog er sich auf Daten aus ihrem Labor, die er – so Gautier – ohne ihr Wissen an sich genommen hatte. Seitdem wird die Entdeckung der Ursache des Down-Syndroms mit seinem Namen verknüpft. Laut Lejeune hat Gautier ihm lediglich assistiert – bis heute steht hier Aussage gegen Aussage.
Ein Heimschwangerschaftstest
Eine andere Geschichte beginnt im Jahr 1967: Margaret Crane war damals 26 Jahre alt und arbeitete als Grafikdesignerin bei der Firma Organon Pharmaceuticals in New Jersey. Sie sollte den Look für eine neue Kosmetikreihe entwerfen. Im Labor, das die Kosmetika herstellte, wurden auch Urin-Schwangerschaftstests für Arztpraxen durchgeführt. Crane überlegte, ob man diese Tests nicht einfach selbst machen könne, ohne deswegen zum Arzt zu müssen.
Sie baute einen Prototyp und stellte ihn den Chefs der Firma vor; diese lehnten ihre Idee ab. Später erfuhr Crane von einem Kollegen, dass ihr Produkt einer Mutterfirma in den Niederlanden vorgeschlagen worden war. 1971 meldete Organon zwei Patente für den Heimschwangerschaftstest nach Cranes Design an. Sie wurde als Erfinderin geführt, musste aber alle Rechte an das Unternehmen abgeben – für einen symbolischen Dollar.
Drei Muster der Unterdrückung
“Es gibt noch so viel mehr Geschichten, die man erzählen könnte und die bisher nicht erzählt wurden”, schreibt Weidenbach. “Aber es geht mir nicht darum, nur großartige Biografien nachzuzeichnen, sondern sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Denn so, wie wir die Strukturen hinter rechtsextremen Straftaten nicht sehen, wenn wir immer nur von Einzelfällen sprechen, sehen wir strukturelle Unterdrückung nicht, solange wir die Leben von vergessenen Frauen nur einzeln herausheben.”
Weidenbach nennt drei Muster, nach denen die systematische Unterdrückung von Frauen in der Geschichtsschreibung funktioniert. “Rekategorisierung” findet sich oft in den Biografien von Naturwissenschaftlerinnen: Hier nutzen Männer ihre Machtposition explizit aus, um die Arbeit von Frauen für ihren eigenen Erfolg zu nutzen – in dem Wissen, so Weidenbach, dass das System hinter ihnen steht.
Als Ergebnis bekommen Frauen eigene Kategorien: Sie werden zu Mitarbeiterinnen, Ehefrauen oder Musen. Ein Beispiel ist neben Nettie Stevens und Marthe Gautier auch Rosalind Franklin: Während James Watson und Francis Crick den Nobelpreis für die Entschlüsselung der DNA erhielten, erfuhr die Öffentlichkeit lange nicht, welche Rolle ihre Arbeit gespielt hat.
© mauritius images / World Book Inc. Rosalind Elsie Franklin (1920-1958) leistete einen entscheidenden Beitrag zur Entschlüsselung der Doppelhelix-Struktur der DNA.
Oder Alice Ball: 1915 entdeckte die 23-jährige Chemikerin auf Hawaii das erste wirksame Verfahren, um Lepra zu behandeln. Arthur Dean, der Präsident der Universität Hawaii, benannte ihre Methode nach sich selbst.
Ein weiteres Muster bezeichnet Weidenbach als das “Verschwindenlassen”: Diese Frauen waren zwar zu Lebzeiten berühmt, wurden im Nachhinein aber übergangen und kleingeredet, etwa die Physikerin Lise Meitner, die Bildhauerin Camille Claudel oder die Schriftstellerin Bertha von Suttner.
Die “Zweiklassengeschichte” schließlich erinnert sich an Frauen nicht wirklich wegen ihrer Leistungen, sondern weil sie die “Ersten ihrer Art” waren (etwa die “ersten Professorinnen”), was für die Rezeption laut Weidenbach einen großen Unterschied macht.
Geschichte hinterfragen
“Wir lernen Geschichte als Wahrheiten”, schreibt Weidenbach. ” […] Wir lernen sie nicht wie in anderen Wissenschaften als Thesen, die auch falsch sein können. Wir lernen sie nicht als Erzählungen von Menschen, die verschiedene Quellen auswerten und sich dann für eine Deutung, eine Einordnung entscheiden, die immer auch in ihr eigenes Weltbild, ihren Deutungshorizont, passen muss.”
Und weil Geschichte nicht neutral sei, könnten wir sie nicht einfach hinnehmen. Nicht nur die Unterdrückung der Frauen zeige sich in der Geschichte; auch der Kolonialismus habe Geschichte und damit Kultur ausgelöscht. Weidenbach ruft uns dazu auf, immer wieder zu fragen: Welche Geschichten werden nicht erzählt – und warum nicht?