Herr Dr. Wichers, wie kam es dazu, dass Sie sich auf transgeschlechtliche Menschen spezialisiert haben?
Dr. Wichers: Tatsächlich war das nicht von Anfang an so. Irgendwann so vor sechs bis sieben Jahren wurde an mich herangetragen, ob ich mich als Hausarzt nicht der Patientengruppe von transgeschlechtlichen Menschen zuwenden möchte. Das war dann mein Einstieg – ich sage mal grob gesprochen – in die Sexualmedizin. Und das hat mich motiviert, eine sexualtherapeutische Ausbildung zu machen. Diese hat drei Jahre gedauert, hier konnte ich sehr viel lernen.
Auf Ihrer Webseite finden sich unter dem Button “Sexualmedizin” die Rubriken Trans*Medizin, PrEP, STI, Affenpockenimpfung, Sexualtherapie und Praxis Vielfalt. Was hat es damit auf sich?
Gerade bei der Trans*medizin ist interdisziplinäres Netzwerken nötig. Sie brauchen zum Beispiel Psychotherapeuten, Chirurgen, Endokrinologen, Stimm- und Sprechtrainer – da kommt Hausärzten als Lotsen eine besondere Bedeutung zu. Ich habe auch einen Qualitätszirkel Trans*Gesundheit gegründet. Der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen hier ist unfassbar wertvoll.
Wie ging es dann weiter?
2019 wurde die Prä-Expositions- Prophylaxe (PrEP) Kassenleistung. Diese verordnen eigentlich primär HIV-Schwerpunktpraxen. Zu dieser Zeit hatte ich schon das Ehrenamt des Landesvorsitzenden der Aidshilfe Niedersachsen inne, die zwischenzeitlich in Landesverband für sexuelle Gesundheit umbenannt wurde. In dieser Funktion wurde mir noch klarer: Es gibt Zugangshürden und ein Versorgungsdefizit in der PrEP. Dies hatte ja für die explizit vulnerable Gruppe der LSBTIQ*-Menschen eine ganz andere Bedeutung. Und mit jemandem über sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität zu sprechen – das fällt im allgemeinen ja schon schwer.
Dann hat sich der Schwerpunkt ihrer Praxis immer weiterentwickelt?
Absolut. Ich bin auch Mitglied der Deutschen STI-Gesellschaft (STI = sexuell übertragbare Infektionen) geworden, um mir mehr Wissen anzueignen. Das war auch deshalb erforderlich, weil immer mehr Patientinnen und Patienten aus dieser Bevölkerungsgruppe auf mich zugekommen sind.
* BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)
Kommen denn auch Menschen aus anderen Bundesländern zu Ihnen?
Ja, besonders war das zum Beispiel vor zwei Jahren zu spüren. Da tauchten plötzlich die Affenpocken auf und es wurde empfohlen, dagegen zu impfen. Hotspot war damals Berlin. Offenbar war es schwierig, Praxen zu finden, die die durchaus aufwendige Impfung anboten. Ich hatte damals Menschen nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Stuttgart oder Dresden bei mir in der Praxis.
Gab es Schwierigkeiten mit Ihren Medizinischen Fachangestellten, diesen Weg mit Ihnen zu gehen?
Natürlich musste ich auch das ganze Team mit ins Boot holen. Bei dem Erwerb des Gütesiegels “Praxis Vielfalt” ist mir dann auch nochmal klar geworden: Ich will das alles gar nicht alleine wuppen – es muss ein Teamprozess sein, der die Offenheit, Sensibilität und Diskriminierungsfreiheit diesen Patientinnen und Patienten gegenüber zum Ausdruck bringt. Daneben wusste ich auch nicht, wie der andere Teil meiner Patientinnen und Patienten darauf reagiert, und es ist sicher gut für mich und mein Praxisteam, bei einer zum Beispiel ablehnenden Haltung gewappnet zu sein.
Wie hoch ist der Anteil der Patientinnen und Patienten aus dem Bereich Sexualmedizin?
Mittlerweile, würde ich schätzen, sind es so 30 Prozent. Wobei es mitunter auch schwierig ist, das zu sagen, weil natürlich auch LSBTIQ*-Menschen mit allgemeinmedizinischen Fragen kommen, die nichts mit sexueller Identität oder dergleichen zu tun haben.
Sie bieten Online-Termine nicht nur für die allgemeine Sprechstunde an, sondern zum Beispiel auch für PrEP-Erstberatung, für die “Sexualmedizinische Sprechstunde” oder die “STI-Akutsprechstunde”. Halten Sie diese Termine jeweils extra frei?
Ja, in der Tat ist das so, damit Menschen mit akuten Problemen auch schnell einen Termin bekommen können. Natürlich vergeben wir die Termine dann auch wieder, wenn sich niemand einbucht. Mit den Online-Terminen möchte ich einerseits ein niedrigschwelliges Angebot und meine Schwerpunkte bewusst sichtbar für alle anbieten. Es gibt ja Praxen, die sich natürlich auch mit sexualmedizinischen Fragen beschäftigen, dass aber eher unterm Schirm mitlaufen lassen.
Gab es denn auch schon mal Patientinnen oder Patienten, die ablehnend mit Kommentaren “Ist ja ekelhaft” reagiert haben?
Überhaupt nicht, es gibt nicht einen Fall. Eher im Gegenteil: Da hat mich zum Beispiel mal ein Patient angesprochen, ob sein Enkel mal vorbeikommen dürfe, weil der da so ein Thema habe.
Sie haben, wie oben schon erwähnt, das Gütesiegel “Praxis Vielfalt” von der Deutschen Aidshilfe erhalten, das auch Ihre Webseite (www.allmak.de) schmückt. Was mussten Sie dafür tun?
Man durchläuft einen umfangreichen Zertifizierungsprozess, der auch E-Learning und Seminare umfasst. Eine der größten Herausforderungen ist der zeitliche Aspekt, das alles noch in den Alltag einer Hausarztpraxis unterzubekommen. Der Prozess hat ungefähr ein halbes Jahr gedauert. Ich und mein Team haben dabei die gesamte Praxis auf den Prüfstand gestellt und die Prozesse optimiert, um den Menschen ein vorurteilsfreies Klima zu bieten.