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GesundheitsversorgungIm Krisenfall: „Wir können uns nichts leisten, parallel zu arbeiten“

Wie lässt sich die medizinische Versorgung im Bündnis- oder Verteidigungsfall sichern? Beim Symposium "Gesundheitsversorgung in der Gesamtverteidigung" von KBV und Bundeswehr warben Vertreter aus Politik, Militär und Gesundheitswesen für ein gemeinsames Vorgehen.

Beim zweiten Symposium "Gesundheitsversorgung in der Gesamtverteidigung" diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Bundeswehr, Bundesländern, Gesundheitswesen und Hilfsorganisationen darüber, welche Aufgaben wer in Krisensituationen übernehmen soll.

Berlin. Die Vorbereitung auf Krisen- und Verteidigungslagen darf nicht länger als rein militärisches Thema betrachtet werden. Diese Botschaft zog sich durch das zweite Symposium “Gesundheitsversorgung in der Gesamtverteidigung”, zu dem die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr am Montag (2.11.) eingeladen hatten.

Vertreter aus Bundesministerien, Ländern, Bundeswehr, Hilfsorganisationen und dem Gesundheitswesen waren sich einig: Die Frage ist nicht mehr, ob sich Deutschland vorbereiten muss, sondern wie die bereits im ersten Symposium identifizierten Fragen und Aufgaben, das 2025 stattfand, konkret umgesetzt werden können.

Arbeit an konkreten Maßnahmen

Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann betonte die Bedeutung der inzwischen etablierten Zusammenarbeit von militärischen und zivilen Akteuren. Die gemeinsamen Arbeitsgruppen seien ein “Brückenschlag” zwischen beiden Bereichen. Nun gehe es darum, die Diskussion in konkrete Maßnahmen zu überführen. [habox:ad] Die Beteiligten würden zunehmend gefragt, welche Schritte als Nächstes folgen, wer Verantwortung übernimmt und wann Ergebnisse sichtbar werden. Ziel sei es, die Bevölkerung gemeinsam besser auf mögliche Krisenlagen vorzubereiten.

Ambulante Versorgung mit zentraler Rolle

Das unterstrich auch Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die Gesundheitsversorgung in Krisen- und Verteidigungsfällen sei keine Aufgabe einzelner Institutionen.

Vielmehr müsse das vorhandene Gesundheitssystem insgesamt resilienter werden. Dazu gehörten Krankenhäuser ebenso wie die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, Rettungsdienste, Hilfsorganisationen und staatliche Stellen. [habox:ad] Dass die ambulante Versorgung dabei eine zentrale Rolle spielt, daran ließ Hofmeister keinen Zweifel. Während häufig die Versorgung Schwerverletzter im Mittelpunkt der Diskussion stehe, dürfe nicht übersehen werden, welche Leistungen täglich im vertragsärztlichen Bereich erbracht werden.

Über Priorisierung von Leistungen sprechen

Bereits im Regelbetrieb würden jedes Jahr hunderte Millionen Behandlungsfälle in Praxen versorgt. Diese Strukturen müssten auch in Krisenzeiten funktionsfähig bleiben und in die Planungen einbezogen werden. [habox:ad] Für Krisen- und Verteidigungslagen werde man zudem über eine Priorisierung von Leistungen (zum Beispiel Früherkennungsuntersuchungen) sprechen müssen, deutete Hofmeister an. Nicht jede Untersuchung und nicht jede Behandlung werde dann in gewohnter Weise erfolgen können.

Entscheidend sei, die medizinische Versorgung insgesamt aufrechtzuerhalten und die vorhandenen Ressourcen dort einzusetzen, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Warten auf das Gesundheitssicherstellungsgesetz

Auch Katja Kohfeld, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, warb für einen sektorübergreifenden Blick. Gesundheitsversorgung sei Teil der Daseinsvorsorge und funktioniere nur, wenn ambulante und stationäre Strukturen zusammenarbeiten.

Die Vorbereitung auf Krisen beschränke sich dabei nicht auf medizinische Fragen. Ebenso wichtig seien stabile Energieversorgung, Energieversorgung, funktionierende Kommunikationswege, Wasser, Logistik und belastbare digitale Infrastruktur.

Mit dem geplanten Gesundheitssicherstellungsgesetz will das Bundesgesundheitsministerium hierfür einen neuen rechtlichen Rahmen schaffen. Nach Angaben Kohfelds sollen bestehende Regelungslücken geschlossen und die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure verbessert werden. Dazu gehören auch Regelungen für Personalreserven, die Sicherung medizinischer Vorräte sowie Planungsgrundlagen für Bund und Länder.

Fachkräfte im Ruhestand aktivieren

Eines der zentralen Themen war der Umgang mit personellen Ressourcen. Kohfeld verwies darauf, dass im Gesundheitswesen ohne ausreichend Personal keine Krisenbewältigung möglich sei. [habox:1] Deshalb werde über neue Modelle nachgedacht, um Fachkräfte im Ruhestand zu reaktivieren, ehrenamtliche Helfer einzubinden und bestehende Reservestrukturen besser zu nutzen. Gleichzeitig müsse medizinisches Personal auf außergewöhnliche Versorgungslagen vorbereitet werden.

Darüber hinaus sprach sich die Staatssekretärin für ein gemeinsames Gesundheitslagebild aus. Bund, Länder, Gesundheitswesen und Bundeswehr müssten künftig besser über verfügbare Kapazitäten informiert sein, um Patientenströme und Ressourcen gezielt steuern zu können. Dabei gehe es ausdrücklich um ambulante und stationäre Versorgung gleichermaßen.

Hoffmann: Tägliche Angriffe bereits Realität

Welche Dringlichkeit hinter diesen Überlegungen steckt, machte Hoffmann in seinem sicherheitspolitischen Lagebild deutlich. Russland bleibe auf absehbare Zeit eine Bedrohung für Europa.

Gleichzeitig seien hybride Angriffe, Sabotageakte und Cyberattacken bereits heute Realität. Das Gesundheitswesen gehöre zu den besonders verwundbaren Bereichen kritischer Infrastruktur.

Als Beispiel verwies Hoffmann auf Erfahrungen aus der Ukraine. Dort seien Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen inzwischen keine Ausnahme mehr.

Lehren aus der Ukraine

Zudem zeigten sich Probleme bei der Arzneimittelversorgung, der Rehabilitation und der langfristigen Versorgung Verwundeter. Die Ukraine sei zwar keine Blaupause für Deutschland, liefere aber wichtige Erkenntnisse darüber, welche Herausforderungen auf Gesundheitssysteme im Krisenfall zukommen können. [habox:ad] Auch Vertreter der Länder sehen erheblichen Handlungsbedarf. Der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi, verwies auf den sogenannten Petersberger Prozess.

Zur Vorsorge gehören regelmäßige Übungen

Die Länder hätten sich in vier Cluster organisiert und arbeiteten gemeinsam mit der Bundeswehr an Themen wie Personalplanung, Behandlungskapazitäten, Patiententransporten, Arzneimittelversorgung und dem Umgang mit hybriden Bedrohungen. [habox:2] Vorsorge dürfe nicht erst beginnen, wenn eine Krise bereits eingetreten sei, sondern müsse geplant, finanziert und regelmäßig geübt werden.

Am Ende blieb die Erkenntnis, dass viele Probleme längst identifiziert sind. Nun geht es um die Umsetzung. Hoffmann formulierte dafür vier Leitfragen: Wo liegen die größten Lücken? Was ist der nächste realistische Schritt? Wer übernimmt die Verantwortung? Und woran lässt sich der Fortschritt messen?

Stark in der Gemeinschaft

Die Antwort auf die Herausforderung einer resilienten Gesundheitsversorgung sehen die Beteiligten dabei nicht in neuen Parallelstrukturen. [habox:ad] Vielmehr soll auf den vorhandenen Stärken aufgebaut werden. Die Krankenhauslandschaft, die Praxen, Rettungsdienste, Hilfsorganisationen und die Bundeswehr sollen künftig enger zusammenarbeiten.

Oder, wie mehrere Redner des Symposiums betonten: Gesundheitsversorgung in Krisenzeiten kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. Das gilt für den stationären ebenso wie für den ambulanten Bereich.

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