„Patientensteuerung ist keine Zumutung, sondern ein Angebot einer hausärztlichen Begleitung, ein Schutz vor Unter-, Über- und Fehlversorgung.“ Das machte Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Co-Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, in einer Podiumsdiskussion während des Fachärztetags des Spitzenverbandes der Fachärztinnen und Fachärzte (SpiFa) am Freitagmorgen (28. März) deutlich. In der Gesprächsrunde wurde mitunter überlegt, wie die Akzeptanz der Versicherten bei dem Thema erhöht werden könnte.
Gemeinsam mit SpiFa-Chef Dr. Dirk Heinrich verwies Buhlinger-Göpfarth in der Runde auf die erfolgreich gelebten Haus- und Facharztverträge in Baden-Württemberg. „Da, wo wir Steuerung gemeinsam betrachten, sind wir erfolgreich“, sagte sie. Wichtig seien beispielsweise im Vorfeld definierte Schnittstellen zwischen den Versorgungsbereichen.
HZV als “Mercedes”, der bereits fährt
Heinrich erinnerte daran, dass Patientensteuerung aus Sicht der Politik kein Instrument sei, um die Zufriedenheit der Versicherten zu erhöhen. Vielmehr gehe es der Politik darum, Ressourcen zu sparen. „Wir können deshalb nur einführen, was messbare Effekte hat“, sagte Heinrich und erinnerte in diesem Zusammenhang an die wissenschaftliche Evaluation der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV), die eben diese positiven Effekte mit Blick auf die Versorgungsqualität, aber auch Kosten für die Kassen, nachgewiesen hat.
Dass die Politik erkannt habe, dass man mit der HZV einen „Mercedes“ auf der Straße habe, sei ein wichtiger Schritt, sagte Buhlinger-Göpfarth mit Blick auf die am Vortag publik gewordenen Ergebnisse der AG Gesundheit im Rahmen der Koalitionsverhandlungen. Hierin ist ein Primärarztsystem in Kollektivvertrag und HZV vorgesehen. „Mit der HZV haben wir bereits ein System, das wir ab sofort nutzen können, um Patientinnen und Patienten im System zu steuern.“ Die Politik habe dies erkannt.
Mehr Steuerung = schnellere Termine beim Facharzt?
Patientensteuerung könne nicht zuletzt helfen, die Wartezeiten auf Facharzttermine zu reduzieren, sieht Dr. Susanne Johna, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK).
Buhlinger-Göpfarth untermauerte dies mit einem Beispiel aus der Praxis: So sei nicht unüblich, dass eine Dame im höheren Alter mit Gelenkschmerzen unkoordiniert eigenständig Termine bei Rheumatologen oder Orthopäden vereinbare. Dabei handele es sich getreu dem Motto „selten ist selten, häufig ist häufig“ in der Regel um alterstypische Gelenkschmerzen, die allein Beratungsanlass in der Hausarztpraxis sein dürften. Durch eine stärkere Steuerung würden diese „banalen“ Termine bei den fachärztlichen Kolleginnen und Kollegen damit frei.
So könne die Patientensteuerung helfen, die zwei drängendsten Probleme der Politik zu lösen, skizzierte Buhlinger-Göpfarth: Das seien die steigenden Beiträge – “primär Problem der Kassen” – bei einem zeitgleich nicht adäquaten Zugang zu fachärztlicher Versorgung.
Wichtig ist laut Johna in diesem Zusammenhang aber auch, dass alle Akteure Hand in Hand arbeiteten und Versicherte sowohl in Praxen als auch Kliniken auf einheitliche Vorgehensweisen träfen. „Nur so lernen Patientinnen und Patienten, dass es überhaupt keinen Sinn macht, unkoordiniert verschiedene Stellen aufzusuchen.“ Es handele sich hierbei jedoch um einen Lernprozess, der Zeit benötige, mahnte sie.
HZV kann KV-System zu “Wind” verhelfen
Essenziell sei zu jedem Zeitpunkt das Stichwort Vertrauen, waren sich die Teilnehmenden der Gesprächsrunde einig. „Das Arzt-Patienten-Verhältnis fußt auf Vertrauen“, so SpiFa-Vorstandsmitglied Hermann Helmberger. Dies sei auch essenziell, wenn es darum gehe, Versicherte durchs System zu lotsen.
Dr. Michael Hubmann, Präsident des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), unterstrich nicht zuletzt, dass die Erfahrungen der HZV auch genutzt werden könnten, um den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) zu „Wind“ zu verhelfen. Es gehe jetzt auch darum, dass die Selbstverwaltung das Verhältnis zwischen Kollektivvertrag und HZV kläre, sagten er und Heinrich in der Diskussion.
Dabei gelte es, die aktuelle Geschlossenheit der Fachgruppen zu nutzen, plädierte BVKJ-Chef Hubmann.