Cannabis ist nach Alkohol und Tabak weltweit die am dritthäufigsten konsumierte psychoaktive Substanz [1]. Von den Konsumenten entwickeln rund 22 Prozent eine Cannabiskonsumstörung [2]. Wie Schätzungen zeigten, steigt das Risiko dafür bei jungen Menschen, die regelmäßig – also wöchentlich oder täglich – Cannabis konsumieren, auf 33 Prozent an [2].
“Das heißt, das Abhängigkeitspotenzial ist nicht zu unterschätzen”, betonte Dr. Lavinia Baltes-Flückiger, Windisch, Schweiz. Modellberechnungen, die auf Umfragen in der Schweiz basieren, gehen davon aus, dass der Cannabiskonsum in den nächsten Jahren ansteigen wird – unabhängig davon, ob die Substanz legalisiert wird oder nicht [3].
Vor- und Nachteile der Legalisierung
In der Schweiz, wo Cannabis derzeit noch nicht legalisiert ist, macht man sich Gedanken, wie der Konsum reguliert werden könnte. Wie Baltes-Flückiger ausführte, lassen sich durch eine Cannabisregulierung verschiedene Ziele und Maßnahmen durchsetzen.
Dazu zählt beispielsweise eine Qualitätskontrolle der Produkte, welche folgende Punkte umfassen könnte: Informationen zu THC- und CBD-Gehalt, eine Vermeidung von Verunreinigungen wie etwa Pestiziden oder Bakterien sowie die Festlegung eines maximalen THC-Gehalts. Möglich wären auch eine Zugangsbeschränkung und Jugendschutz, etwa indem man die maximale Cannabis-Bezugsmenge beschränkt, die Preise festlegt und ein Mindestalter der Konsumenten bestimmt.
Die Ansprechbarkeit der Konsumierenden könnte nach einer Legalisierung einfacher werden, wodurch präventive Informationen leichter zu vermitteln wären. Personen mit problematischem Konsum könnten früher erkannt und mittels rechtzeitiger Intervention besser in das Behandlungssystem eingebunden werden. Weitere Ziele betreffen die Eindämmung des Schwarzmarktes sowie die Besteuerung von Cannabisprodukten.
Erste randomisiert kontrollierte Studie aus der Schweiz
Bislang gibt es kaum Studien, die den Effekt einer Cannabisregulierung hinsichtlich der gesundheitlichen Auswirkungen auf die Konsumenten untersuchen. In der Schweiz werden die Konsequenzen eines solchen Schrittes vorab analysiert. Dazu initiierte man mehrere Pilotversuche, die unterschiedlichen Forschungsfragen nachgehen.
Baltes-Flückiger stellte die ersten Ergebnisse von “Weed Care” vor, einer randomisierten kontrollierten Studie mit insgesamt 374 erwachsenen Teilnehmenden, die von Ende Januar 2023 bis Juli 2025 in Basel durchgeführt wird (noch nicht publiziert). Die Studie untersucht den Einfluss eines regulierten Cannabisverkaufs und vergleicht die psychische Gesundheit der Probanden mit der unter Schwarzmarkt-Bedingungen. Die randomisierte, kontrollierte Interventionsstudie lief bereits über sechs Monate, derzeit erfolgt eine Beobachtungsstudie von insgesamt zwei Jahren.
Während der ersten sechs Monate erhielten die Teilnehmenden der Cannabis-Interventionsgruppe (n=187) Cannabis in den Apotheken, die Schwarzmarkt-Kontrollgruppe (n=187) musste sich weiterhin eigenständig über den Schwarzmarkt versorgen.
Nach der sechsmonatigen Interventionsphase konnten auch die Probanden der Schwarzmarkt-Kontrollgruppe am regulierten Cannabisverkauf teilnehmen. Während der gesamten Laufzeit von 2,5 Jahren erhalten die Teilnehmenden alle sechs Monate einen online-Fragebogen, in dem sie zu ihrem Cannabiskonsum-Verhalten sowie zu psychischen Erkrankungen Auskunft geben.
Keine Konsumzunahme nach sechs Monaten
Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden beträgt 35,8 Jahre, 81 Prozent sind Männer, 17 Prozent Frauen und 2 Prozent non-binär. Drei Viertel sind in Voll oder Teilzeit beschäftigt. Sie konsumieren durchschnittlich an 19,6 Tagen im Monat Cannabis. “Etwa ein Drittel der Teilnehmenden weist einen problematischen Cannabiskonsum auf, was sich mit den vorher genannten Daten deckt”, berichtete Baltes-Flückiger.
Die Abbruchrate lag bei 4 Prozent nach sechs Monaten und bei 11 Prozent nach 12 Monaten. Gründe waren nicht-ausgefüllte Fragebogen aber auch Unzufriedenheit mit den angebotenen Cannabisprodukten oder mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis.
Hinsichtlich des problematischen Cannabiskonsums zeigte ein vorläufiges Ergebnis nach sechs Monaten, dass in der Gruppe mit legalem Zugang keine signifikante Veränderung auftrat, wenngleich ein Trend zu einem geringeren Konsum erkennbar war. Die konsumierten Cannabismengen veränderten sich ebenfalls nicht.
“Bei psychiatrischen Symptomen wie der generalisierten Angststörung, depressiven Störungen oder psychotischen Anzeichen war kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen feststellbar”, erklärte Baltes-Flückiger. Vom legalen Cannabiszugang profitierten insbesondere Personen, die zusätzliche Drogen wie Kokain, Amphetamine oder Heroin konsumierten. Hier wurde eine signifikante Reduktion des Cannabiskonsums beobachtet, verglichen mit der Schwarzmarkt-Kontrollgruppe. “Für diese vulnerable Subgruppe kann der Zugang entscheidend sein”, so Baltes-Flückiger.
Weitere Produktangebote gewünscht
Wie eine Analyse der gesamten Studienpopulation 12 Monate nach Studienbeginn ergab, hatte sich die konsumierte Cannabismenge nicht verändert, der problematische Cannabiskonsum war nach sechs Monaten etwas gesunken und blieb dann stabil. Die Depressivität hatte sich nach sechs Monaten ebenfalls etwas verbessert und blieb bis Monat 12 unverändert. Keine Veränderung zeigte sich bei den Angstsymptomen.
Die Teilnehmenden mit legalem Zugang bevorzugten Produkte mit hohem THC-Gehalt. “Beim Konsum risikoärmerer Produkte sehen wir noch nicht so viel Erfolg”, berichtete Baltes-Flückiger. Ein Teil des Bedarfs deckten die Teilnehmenden weiterhin über den Schwarzmarkt.
Ein Grund dafür könnte sein, dass sich die Konsumierenden weitere Produkte wie z.B. cannabishaltige Nahrungsmittel (Edibles), Cannabisöl, E-Liquids oder Konzentrate wünschen. Der Referentin zufolge ist wichtig, diese Bedürfnisse zu berücksichtigen.
Literatur:
- World Drug Report 2024 https://www.unodc.org/unodc/en/data-and-analysis/world-drug-report-2024.html Letzter Zugriff: Februar 2025
- Leung J et al. Addict Behav 2020; 109:106479
- Vogel M et al. Int J Drug Policy 2019; 69:55-59
Quelle:
Vortrag von Dr. Lavinia Baltes-Flückiger: “Cannabis zu Genusszwecken – Regulierung versus Schwarzmarkt: Erste Ergebnisse einer randomisiert, kontrollierten Studie (Weed Care)” anlässlich des 24. interdisziplinären Kongresses für Suchtmedizin in München.