© Prof. Kolben Abb. 3: Op-Präparat der Endometriose.
Regelschmerzen sind nicht normal
Charakteristisch für eine Endometriose sind chronische Unterbauchschmerzen und krampfartige Schmerzen bei der Menstruation, die sich durch Schmerzmittel oft nicht ausreichend lindern lassen. Die Monatsblutungen können verstärkt und auch verlängert sein.
Was ist Endometriose?
Die Endometriose ist eine gutartige, chronische Erkrankung, bei der Endometriumähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutterhöhle wächst. Endometriose-Herde finden sich häufig im unteren Bauch- bzw. Beckenraum, z.B. in der Gebärmutter oder an den Ovarien, seltener an Lokalisationen jenseits des inneren Genitale, z.B. an Blase oder Darm.
Sie sind denselben hormonellen Zyklen unterworfen wie die Gebärmutterschleimhaut. Die genaue Ursache der Erkrankung ist nicht geklärt. Manche Frauen weisen keine Symptome auf, andere leiden unter erheblichen Schmerzen. Von der Erkrankung betroffen sind etwa 10% der Frauen im reproduktionsfähigen Alter. Jährlich kommen in Deutschland etwa 40.000 Neuerkrankungen hinzu.
Schon mit der ersten Periode können die Beschwerden auftreten. Meist beginnen sie aber im Alter zwischen 20 und 30 Jahren und nehmen im Lauf der Jahre zu. Bei vielen Betroffenen sind die Schmerzen so gravierend, dass sie im Alltag und in ihrer Lebensqualität stark beeinträchtigt sind. Dennoch dauert es in Deutschland durchschnittlich 6 bis 10 Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird.
“Viel zu oft werden Schmerzen bei der Menstruation als normal abgetan, nicht nur von den Ärztinnen und Ärzten, sondern auch von den betroffenen Frauen selbst”, so Prof. Thomas Kolben, Leiter des Endometriosezentrums der gynäkologischen Klinik gyn-munich in München.
Leitsymptome
Dysmenorrhoe
Chronische Unterbauchschmerzen (zyklisch oder azyklisch)
Dyspareunie
Dyschezie
Dysurie
Unerfüllter Kinderwunsch
Unspezifische Symptome
Blasenbeschwerden
Unspezifische Darmbeschwerden
Schmierblutungen, starke Blutungen
Vegetative Begleiterscheinungen: Übelkeit, Erbrechen, Magenbeschwerden
Kopfschmerzen, Schwindel
Ovulationsschmerz
Unregelmäßige Unterbauchschmerzen
Rückenschmerzen
Schmerzausstrahlung in die Beine
Chronische Erschöpfung
Wichtig sei es daher, die Beschwerden ernst zu nehmen. Zyklusabhängige Schmerzen sind immer als verdächtig anzusehen. Gibt die Patientin mehr als 3 von 10 Punkten auf der visuellen Analogskala (VAS) an, dann sollte man auf jeden Fall nachfragen, ob weitere Symptome vorliegen oder zumindest eine gewisse Abklärung machen.
Oft treten unspezifische Symptome auf
Doch nicht immer stehen Dysmenorrhoe und Unterbauchschmerzen im Vordergrund. Es ist keine Seltenheit, dass unspezifische Symptome, die nicht gleich an ein gynäkologisches Problem denken lassen, die Folge einer Endometriose sind. Je nach befallenem Organ können unterschiedliche Symptome auftreten. Auch das ist ein Grund dafür, dass eine Endometriose bei vielen Frauen unerkannt bleibt und die Symptome auf andere Erkrankungen zurückgeführt oder als psychosomatisch abgetan werden.
Immer wieder übersehen wird die Erkrankung z.B. bei Patientinnen, die wie im obigen Fall Probleme beim Stuhlgang haben, oder wenn sie über Rückenschmerzen, Blasenbeschwerden, ständige Erschöpfung und Müdigkeit klagen. Ein Blähbauch, der sehr groß und schmerzhaft ist, und vor allem in der zweiten Zyklushälfte auftritt, kann ein sog. Endo-Belly sein, der durch die Endometriose verursacht wird.
Leitsymptome erkennen
Bei unspezifischen Symptomen kann es sinnvoll sein, nach weiteren Beschwerden zu fragen. Zu prüfen sind vor allem die Leitsymptome. “Liegt eines der Kardinalsymptome wie krampfartige Schmerzen im Zusammenhang mit der Menstruation, starke, langanhaltende Monatsblutungen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder ein unerfüllter Kinderwunsch vor, dann sollten die Alarmglocken läuten und eine weitere Abklärung erfolgen”, empfiehlt Kolben.
Zusätzliche Hinweise können die Risikofaktoren für die Entwicklung einer Endometriose liefern. Dazu gehören unter anderem Kinderlosigkeit, lange Östrogenexposition, kurze Menstruationszyklen von weniger als 27 Tagen, Hypermenorrhö und niedriger Body-Mass-Index.
Zum Facharzt überweisen
In der Hausarztpraxis kommt es darauf an, überhaupt an eine Endometriose zu denken und die Betroffenen an eine gynäkologische Praxis oder bei entsprechendem Verdacht gleich an ein Endometriose-Zentrum zu überweisen, wo eine detaillierte gynäkologische Untersuchung, ggf. ergänzt durch Ultraschall und MRT, erfolgen kann.
Eine durch eine Gewebeprobe gesicherte Diagnose kann erst durch eine Laparoskopie gestellt werden, die oft gleichzeitig therapeutisch genutzt wird. Ein erfahrener Untersucher kann allerdings bei entsprechenden Untersuchungsbefunden und typischer Anamnese auch ohne Operation eine sehr sichere Diagnose stellen.
Serie “Gender-Medizin – Krankheiten unter dem Radar”
Mit der Serie “Gender-Medizin – Krankheiten unter dem Radar” sollen Erkrankungen beleuchtet werden, die bei Männern oder Frauen zu wenig beachtet werden. Ziel ist, dass der Hausarzt bzw. die Hausärztin die jeweiligen “Red Flags” erkennt und Empfehlungen zur Hand hat, bei Diagnose und Therapie richtig vorzugehen.
Quellen:
Gespräch mit Prof. Dr. med. Thomas Kolben, Leiter Endometriosezentrum, gyn-munich, gynecologic surgery, Heidemannstraße 5b, 80939 München
Ye L et al. Endometriosis. BMJ. 2022; 379: e068950
Leitlinie “Diagnostik und Therapie der Endometriose”, Stand August 2020