Lange Zeit war die deutsche Schlafmedizin führend in Europa. Doch wachsender Kostendruck und Ökonomisierung der Medizin drohen das gute Blatt zu wenden. “Hinsichtlich der Finanzierung machen wir uns große Sorgen, dass die Schlafmedizin im Rahmen der jetzigen Sparmaßnahmen leidet”, sagt Prof. Dr. Georg Nilius, Geschäftsführender Vorsitzender der DGSM und Direktor der Medizinischen Klinik für Pneumologie, Infektiologie und Intensivmedizin, Klinikum Dortmund.
Problematisch ist das auch deshalb, weil Insomnien nicht nur mit einem hohen Leidensdruck einhergehen, sondern auch bedeutende Risikofaktoren sind. Bei den zehn Prozent der Bundesbürger, die an Ein- und Durchschlafstörungen leiden, erhöht sich laut Prof. Dr. Dieter Riemann, Somnologe und Vorstandssprecher der DGSM, das Risiko für Depressionen und Angsterkrankungen um den Faktor drei.
Im Alter noch wichtiger
In unserer demographisch alternden Gesellschaft hat gesunder Schlaf einen enormen Stellenwert. Denn laut Prof. Dr. Helmut Frohnhofen DGSM-Kongresspräsident 2024 und Leiter des Alterstraumatologischen Zentrums, Universitätsklinikum Düsseldorf, ist er ein bedeutsamer modifizierender Faktor für Alterserkrankungen, allen voran Hirnleistungsstörungen. “Die tollen Möglichkeiten, mit denen wir hier gut Einfluss nehmen können, müssen wir besser nutzen”.
Defizite in Diagnostik und Therapie
Bei der Versorgung steht die Schlafmedizin ebenso vor Herausforderungen. So müssen inzwischen viele Patienten lange auf Termine bei Schlafmedizinern warten, was die frühzeitige Behandlung erschwert. Bei der für die Behandlung einer Insomnie von der DGSM-Leitlinie als Mittel der ersten Wahl empfohlenen Maßnahme, der Kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) gibt es ebenfalls Engpässe.
Obwohl sie sehr effektiv ist, da sie in relativ kurzer Zeit zu sehr guten Ergebnissen führen kann: Etwa zwei Drittel der Behandelten beenden die Therapie mit ausreichenden Verbesserungen ihres Schlafes oder leiden nicht mehr unter einer Insomnie [1].
Das große Problem ist nach den Worten von Prof. Riemann allerdings, “dass wir zu wenig Therapeuten haben”. Abhilfe könnten hier DIGAs schaffen. Diese dreimonatigen Online-Programme können als GKV-Leistung verordnet werden und bringen laut Prof. Riemann ganz gute Erfolge – “wenngleich sie etwas schwacher wirken als eine reale Psychotherapie”.
Hausärzte mehr einbinden
Eine stärkere Einbindung der Hausärzte in die schlafmedizinische Versorgung könnte das Versorgungsdefizit bessern: Das würde dazu beitragen, dass Schlafstörungen frühzeitiger diagnostiziert und behandelt werden. “Es ist entscheidend, dass Insomnien und schlafbezogene Atmungsstörungen erkannt werden. Die Hausarztpraxis spielt dafür eine Schlüsselrolle”, so Dr. Michael Feld, niedergelassener Allgemeinarzt und Somnologe aus Frechen-Königsdorf.
In den hausärztlichen Check-up sollte entsprechend auch die Abklärung der Schlafapnoe mit aufgenommen werden. Das kann laut Dr. Feld inzwischen abgerechnet werden und wird somit auch vermehrt durchgeführt. Die schlafmedizinische Diagnostik in der Hausarztpraxis “ist unglaublich wichtig”: “Zum einen, weil Schlafstörungen und Schlafapnoe sehr häufig sind. Zum anderen, weil sie hohe Risikofaktoren für unter anderem Herzinfarkt, Schlaganfall und Demenz darstellen”.
Dr. Feld plädiert zudem dafür, bei Hausärzten weiter über die Wichtigkeit von Schlaferkrankungen aufzuklären. Darüber hinaus sollten mehr Schlafmediziner ausgebildet werden: Die schlafmedizinische Ausbildung sollte dringend Teil des Medizinstudiums werden.
Prof. Riemann empfiehlt den Hausärzten, die kostenfreien Fragebögen der DGSM in ihrer Praxis zu nutzen. Hilfreich sei auch der Rat an die Patienten, ein Schlaftagebuch zu führen. “Das wirkt auch insofern therapeutisch, als dass es die Aufmerksamkeit für das Schlafen erhöht”.
Lästig und riskant obendrein: Schnarchen
Das nächtliche Gesäge nervt… Noch dazu birgt es Risiken, da es zu einer Schlaf-Apnoe führen kann, warnt Dr. Winfried Hohenhorst, Chefarzt der Klinik für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie Essen. “Bei regelmäßigem Schnarchen sollte stets ärztlich abgeklärt werden, ob es bereits krankhaft ist”.
Apps können hier erste wichtige Indizien liefern: “Sie analysieren die Intensität von harmlos bis kritisch. Krankhaftes Schnarchen ist lauter und unrhythmischer”. Auch der Bettpartner ist gefährdet, eine Schlafstörung zu entwickeln. Ein weiterer Grund, das Sägen im Schlaf nicht zu bagatellisieren.
Unausgeschlafene Jugend
Müde zur Schule, müde nach Hause: Viele Jugendliche schlafen zu kurz und nicht ausreichend tief. “Doch um erfolgreich zu lernen, braucht es guten Schlaf” mahnt Dr. Thea Herold, Mitgründerin des Expertennetzwerkes Schlafakademie Berlin.
Diese setzt sich dafür ein, dass Schlafaufklärung für Kinder und Jugendliche in den Unterricht integriert wird. Denn in die Praxen der Schlafmediziner kommen immer mehr junge Menschen. “Doch guter Schlaf ist eine Investition in die Zukunft”, so Dr. Herold.
Schlafapnoe-Therapie kann Demenzrisiko verringern
Guter, weil ungestörter Schlaf ist essenziell für die kognitive Leistungsfähigkeit. Denn vor allem im Tiefschlaf werden die Nervenzellen im Gehirn von schädlichen Stoffen gesäubert – besonders von Beta-Amyloiden, die eine ursächliche Rolle bei der Alzheimer-Demenz spielen. Entsprechend sind Schlafstörungen ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz.
Das gilt laut Prof. Dr. Robert Göder, Zentrum für Integrative Psychiatrie der Christian-Albrechts-Universität Kiel, vor allem auch für das Schlafapnoe-Syndrom: “Wer davon betroffen ist, hat statistisch gesehen ein etwa 1,6-fach höheres Risiko an Demenz zu erkranken”. Wird die Schlaferkrankung jedoch adäquat behandelt, kann diese Gefahr minimiert werden – in jedem Alter.
Auch wenn natürlich nicht jeder mit nächtlichen Atemaussetzern an Demenz erkranken wird, empfiehlt Prof. Göder, eine diagnostizierte Schlafapnoe als zusätzlichen Risikofaktor in jedem Fall therapieren zu lassen.
Quellen:
Vorträge im Rahmen der 32. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin (DGSM) vom 14. bis 16.11.2024 in Essen.
1. Riemann D. et al. The European Academy for Cognitive Behavioural Therapy for Insomnia: An initiative of the European Insomnia Network to promote implementation and dissemination of treatment. Journal of sleep research 2020; 29 (2), e12967